Veranstaltungen

Online-Kongress: Onkologie für die Praxis 2021

Datum: 15.10. - 16.10.2021.
Start: 15.10 um 13:30 Uhr
Ende: 16.10 um 13:30 Uhr

FREITAG, 15. OKTOBER 2021

SCHWERPUNKT: KURATIV

 

Prim. Univ.-Prof. Dr. Reinhold Függer: Ein persönlicher Rückblick in der Onkologie – Behandlung von Über-75-Jährigen in den letzten 30 Jahren

Anhand von drei Entitäten – Pankreaskarzinom, Mammakarzinom und kolorektales Karzinom – wurde in diesem Vortrag der medizinische Fortschritt der vergangenen 30 bis 40 Jahre dargestellt. Lag 1995 bei Pankreaskarzinom-OPs die Mortalität noch über 27 %, so beträgt sie laut aktuellen Daten in Österreich nur mehr 3,7 %. Bei 54,3 % der Patienten treten überhaupt keine postoperativen Komplikationen auf. Erreicht wurde dies durch massive Verbesserungen in der OP-Technik, in der intensivmedizinischen Betreuung und im Komplikationsmanagement. Bei der Pankreasresektion aufgrund eines Karzinoms zeigen Unter-80-Jährige und Über-80-Jährige eine vergleichbare mediane Überlebensrate (12,1 Monate vs. 10,5 Monate). Wenn die Selektion stimmt, ist es somit auch bei Über-80-Jährigen sinnvoll, einen derartigen Großeingriff durchzuführen. Für Prim. Függer ist die Behandlung des Mammakarzinoms ein Vorreiter in der interdisziplinären Krebstherapie. Von den 1990er-Jahren bis 2018 erhöhte sich das 3-Jahres-Überleben von 82,7 auf 90,6 %. Beim Rektumkarzinom war die Einführung der Totalen Mesorektalen Exzision (TME) die entscheidende chirurgische Entwicklung. Von den 1990er-Jahren bis 2018 erhöhte sich das 3-Jahres-Überleben von 58,7 auf 68,9 %.

 

Debatte
Dr.in Cornelia Kröpl vs. OA Dr. Ulrich Popper: Ist Krebsvorsorge bei Über-75-Jährigen sinnvoll?

Hintergrund der Debatte: Krebsvorsorgeuntersuchungen werden oftmals nur bis zum Alter von 70 Jahren empfohlen, obwohl nicht wenige Menschen mit häufig guter Fitness noch 10 oder gar 20 Jahre leben.

Contra-Sprecherin

Dr.in Kröpl betonte, dass Vorsorge oder Früherkennung bei älteren Menschen zu unnötigen Überdiagnosen und in weiterer Folge Übertherapien führen können. Laut JAMA verhindert etwa die Mammografie bei drei von 1.000 Frauen den Tod durch Brustkrebs. Gleichzeitig erhalten 3–14 Frauen von 1.000 dadurch Überdiagnosen bzw. Übertherapien. Die Darmkrebsvorsorge – die im Gegensatz zur Mammografie keine Früherkennung ist, sondern versucht, die Krebsentstehung zu verhindern – betrachtete Dr.in Kröpl ebenso kritisch. Die Risikodifferenz ist bei älteren Patienten (70-74 Jahre) mit durchgeführter Vorsorgekoloskopie um nur 0,4 % geringer als bei Patienten, bei denen keine Routinekoloskopie durchgeführt wird. Zudem steigt mit dem Alter das Risiko von Komplikationen während der Koloskopie deutlich an. Beim Prostatakarzinom-Screening (PSA-Screening) habe laut Dr.in Kröpl nur eine von drei großen Studien gezeigt, dass durch das Screening Leben gerettet werden kann. Die Rate von Überdiagnosen lag bei über 50 %. 18-38 % sterben mit und nicht an einem Prostatakarzinom. Es existieren keine Daten, die eine Empfehlung für Über-75-Jährige untermauern, dennoch wird weltweit das PSA-Screening bei dieser Altersgruppe durchgeführt. 

Pro-Sprecher

Dieser Argumentationslinie setzte Dr. Popper entgegen, dass das Lebenszeitrisiko in der westlichen Welt an einem Kolonkarzinom zu erkranken, bei 5 % liegt. Dieses Risiko steigt alle fünf Jahre um 0,5 – 1,5 %. Auch beim Thema Brustkrebs verweist er auf das Krebsrisiko. Durch eine regelmäßige Mammografie kommt es zu einer relativen Risikoreduktion von 15 bis 25 % bei Frauen zwischen 40 und 70 Jahren. Ältere Patientinnen wurden in diesen Studien allerdings nicht eingeschlossen, deshalb war hier der retrospektive Blick nötig.  Bei Patientinnen, die in den beiden Jahren vor der Diagnose keiner Mammografie unterzogen wurden, war das Risiko für ein fortgeschrittenes Tumorstadium um das Dreifache erhöht. Das Todesrisiko war fast 2,5-fach erhöht.

 

Debatte  
OA Dr. Hendrik Koller vs. OA Dr. Manuel Orlinger: Die Rolle des geriatrischen Assessments in der Onkologie

Hintergrund der Debatte: Das geriatrische Assessment wird bei älteren Menschen mit Krebsneudiagnose empfohlen, aber in der Praxis wird diese Empfehlung nicht vollständig umgesetzt. Die Frage ist, warum?

Pro-Sprecher

Für OA Dr. Koller ermöglicht das geriatrische Assessment eine umfassende Einschätzung des Zustands alter Patienten. Es beleuchtet die typischen Problembereiche wie etwa die Funktionalität, Mobilität, Ernährung, Kognition, Stimmung, Medikation, etc. Das geriatrische Assessment soll zu einer Problemliste führen und daraus ein Behandlungsplan abgeleitet werden. Dabei bietet es Gelegenheit zur Erkennung und Behandlung der „Big Five“ der Alterserkrankungen: Stürze, Polypharmazie, Demenz, Gebrechlichkeit und Inkontinenz. OA Dr. Koller betonte, dass das geriatrische Assessment laut Richtlinie der American Society of Clinical Oncology (ASCO) ein Mindestmaß an Untersuchungen sei, das ein Onkologe bei Patienten über 65 Jahren durchführen sollte. Er gibt ganz klare Empfehlungen für ein geriatrisches Assessment.

Contra-Sprecher

OA Dr. Orlinger betonte hingegen, dass es bereits einfache und allgemein gebräuchliche Scores gibt, die eine gute Einschätzung des Patienten ermöglichen. Dazu zählt der ECOG-Score, mit dem der Zustand der Patienten schnell beurteilt werden kann. Das besagte „Minimalprogramm“ der ASCO-Richtlinie ist hingegen im klinischen Alltag des Onkologen aus Zeitgründen unmöglich umzusetzen, da es zu viele Scores beinhaltet. Viele Elemente der ASCO-Guideline werden in der täglichen Routine ohnehin abgedeckt, etwa um Komorbiditäten einzuordnen. Das geriatrische Assessment kann zwar in manchen Fällen Zusatzinformationen erbringen, es gibt jedoch wenig Evidenz, dass es die Therapieentscheidungen und Outcomes beeinflusst.

 

Mag.a pharm. Elisabeth Steiner, aHPh: Spezielle Neben- und Wechselwirkungen durch Therapien beim alten Menschen

Geriatrische Patienten haben – unabhängig von ihrem Fitnessgrad – ein insgesamt höheres Risiko,  arzneimittelbezogene Probleme zu entwickeln. Das liegt unter anderem an den eingeschränkten Funktionsreserven von Gehirn, Nieren, Herz-Kreislaufsystem, dem endokrinen System, dem Immunsystem oder der Skelettmuskulatur. Ein wichtiger Faktor ist auch die Ernährung. Als Stressoren treten die Krebstherapie an sich, aber auch der Aufenthalt im Krankenhaus auf. Dies kann zu einer eingeschränkten Lebensqualität führen. Nimmt ein Patient mehrere Medikamente ein, so sollten die Indikationen und die Sinnhaftigkeit derselben geprüft werden. Neben einem erhöhten Sturzrisiko (etwa bei Opiaten und Benzodiazepinen), können u. a. auch Übelkeit und kumulierte Nebenwirkungen (anticholinerge Last) auftreten. Mag.a pharm. Steiner wies auf die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit, insbesondere die klinisch-pharmazeutische Visite, hin, um derartige Nebenwirkungen zu vermeiden.

 

OA Priv.-Doz. Dr. Markus Hutterer: Neurologische Störungen, Fatigue und Depression beim alten Menschen

Onkologische Patienten leiden häufig unter neurologischen Problemen. Die Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (CIPN) verursacht sensible Symptome der Finger, Hand und Füße. 50 – 75 % aller onkologischen Patienten sind davon betroffen, davon 30 % länger als sechs Monate nach der Chemotherapie (z. B. mit Taxanen oder Platinen). Bei CIPN ist eine klinische Untersuchung wichtig, da diese – im Gegensatz zum weitverbreitenden Irrglauben – behandelt werden kann. Das Cancer-related Cognitive Impairment (CRCI) wird nicht nur von neurotoxischen Therapien, sondern auch von Hormontherapien und einigen Immuntherapien ausgelöst. Dabei wirken die Botenstoffe, die die Tumorzellen produzieren, im Gehirn und sorgen für kognitive Einschränkungen. Risikofaktoren für das CRCI sind das Alter sowie Stress, Depression, Ängste, etc. Bei den strukturellen und funktionellen Hirnveränderungen im Alter sind die Alzheimerkrankheit und vaskuläre Demenzen am verbreitetsten. Ab dem 75. Lebensjahr steigt das Demenzrisiko. Depressionen treten bei 25 – 40 % der onkologischen Patienten auf. Das Chronic Fatigue Syndrom ist eine neuroimmunologische Erkrankung, die sich nicht nur körperlich, sondern auch kognitiv („Brain Fog“) und emotional (u. a. Schlafstörungen) äußert.

 

Mag. Christoph Arzt: Vereinsamung im Spannungsfeld bei Krebserkrankungen

Es gibt große kulturelle Unterschiede in der Wahrnehmung von Einsamkeit. Eine vergleichbare Anzahl an sozialen Kontakten wird in einer Kultur als problematisch und in einer anderen wiederum als unproblematisch interpretiert. Mag. Arzt betonte, dass soziale Beziehungen eine direkte Auswirkung auf unsere Gesundheit haben. Wichtig wäre es, ein Bewusstsein für die protektiven, aber auch die Risikofaktoren sozialer Beziehung zu entwickeln sowie für die Multidimensionalität von Einsamkeit. Es gibt in diesem Zusammenhang keine Pauschalrezepte, jeder onkologische Patient hat seine individuellen sozialen Bedürfnisse. Oft ist eine Beziehung zum Patienten nötig, um eine Vereinsamung erst erkennen zu können. Die soziale Verbundenheit ist zudem ein dynamischer Prozess, der sich im Laufe einer onkologischen Erkrankung ständig verändert.

 

Mag.a Anna Hochgerner: Gegenwart und Zukunft der Selbsthilfe

Über die Vielfalt der Selbsthilfeangebote in Österreich und im Speziellen in Oberösterreich referierte Mag.a Hochgerner. Selbsthilfegruppen leisten einen wichtigen Beitrag im Gesundheitssystem. Sie sind nicht für jeden Patienten geeignet, aber jeder sollte von der Möglichkeit des Austausches erfahren. Das Ordensklinikum Linz arbeitet mit 20 Selbsthilfegruppen zusammen, davon haben sieben einen onkologischen Schwerpunkt. Es gibt große Unterschiede in der Nutzung derartiger Angebote. Manche Selbsthilfegruppen funktionieren sehr gut, andere haben weniger Zulauf. Dazu gesellt sich das Problem der Nachfolge von Selbsthilfegruppenleitern. In den vergangenen Jahren hielt auch die Digitalisierung Einzug in der Selbsthilfe. Mag.a Hochgerner stellte dazu exemplarisch onkip, das onkologische Informationsportal des Tumorzentrums Oberösterreich, vor. Dieses wird künftig verständliche Informationen für die Patienten bieten, die Arzt-Patienten-Kommunikation und infolgedessen die Patientenbetreuung verbessern.

 

Mag.a Tamara Diendorfer: Andere Länder, andere Sitten – Patienten mit Migrationshintergrund und ihre kulturspezifischen Bedürfnisse in der Krebsbehandlung

22,1 % der Einwohner in Österreich haben einen Migrationshintergrund. Das heißt, dass diese Menschen selbst oder beide Elternteile im Ausland geboren wurden. Diese Patientengruppe nimmt seltener Vorsorgeangebote in Anspruch, hat häufiger chronische Erkrankungen und Schmerzen, nutzt Spitalsambulanzen öfter als Erstanlaufstelle und zeigt keinen Unterschied in der Lebenserwartung auf. In der Onkologie benötigen alle Patienten praktische, psychosoziale und spirituelle Unterstützung – eine besondere Hürde, wenn Patienten Migrationshintergrund haben. Eines der Hauptprobleme sind die Sprachbarrieren. Bislang wurde außerdem die kultursensitive Betreuung in den Guidelines für Palliativstationen noch wenig berücksichtigt. Gleiches gilt auch für die Sichtweise des Personals, etwa wenn Angehörige in großen Gruppen zum Patienten ins Krankenhaus kommen und dort viel Zeit verbringen. Patienten mit Migrationshintergrund wünschen sich Informationen zu ihrer Erkrankung in schriftlicher Form und in ihrer Sprache. Derzeit gibt es noch deutliche Defizite in der kultursensitiven Versorgung, die zu Belastungen für allen Beteiligten führen – sowohl bei Patienten, Angehörigen als auch beim Personal.

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Festvortrag
Prof. Dr. Traugott Roser: Evidence-based Spiritual Care: Wie wirksam ist seelsorgliche Begleitung?

Laut der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland (September 2010) gibt es ein Recht auf spirituelle Betreuung durch ein Netzwerk professioneller und ehrenamtlicher Begleiter. 47 % der Onkologiepatienten gaben 2007 an, dass sie nur minimal bis gar nicht von einer Religionsgemeinschaft begleitet wurden. Bei der spirituellen Begleitung durch das Gesundheitssystem lag der Wert sogar bei 72 % – trotz des positiven Effekts ebendieser auf die Lebensqualität. Prof. Roser ging in seinem Vortrag von der Annahme aus, dass jeder Mensch spirituell sei. Dieser Ansatz basiert auf den Psychotherapeuten Kenneth Pargament. Spiritualität wird als etwas zutiefst Persönliches verstanden, das über vorgefertigte Vorstellungen von Religiosität und religiöser Praxis hinausgeht. Spiritualität ist nichts Feststehendes, sondern etwas Dynamisches. Es verändert sich in Krankheitsphasen. Studien zeigen, dass die Patienten möchten, dass Gesundheitsfachleute ihre religiösen oder spirituellen Hintergründe kennen. Diese Überzeugungen helfen bei der Bewältigung einer Krankheitssituation und sollten proaktiv durch das Gesundheitspersonal angesprochen werden.

SAMSTAG, 16. OKTOBER 2021

SCHWERPUNKT: PALLIATIV

 

OÄ Dr.in Christina Grebe, MSc. – Was ist erlaubt? Therapiezielentscheidungen am Lebensende

Im Bereich der Palliative Care haben Ärzte zum Lebensende eines Patienten wiederholt grundlegende Behandlungsentscheidungen zu fällen – durchschnittlich ca. einmal pro Woche, wie OÄ Dr.in Grebe berichtet. Auf einer Palliativstation sind solche Therapiezielentscheidungen bei der Hälfte der Patienten Thema, bei Patienten auf den Intensivstationen liegt dieser Anteil deutlich höher. In den Gesprächen ist es immer wichtig, die Autonomie des Patienten in den Mittelpunkt zu rücken. Dabei ergeben sich mitunter schwierige ethische Fragen, etwa, wenn ein Patient keine Reanimation wünscht. Kritisch sieht OÄ Dr.in Grebe, dass nur 4–6 % der Österreicher eine Patientenverfügung errichten lässt. Zudem sei das Thema Therapiezielentscheidung in der Ärzteausbildung noch unterrepräsentiert. Ein multiprofessioneller Konsens, unter anderem durch ein spitalsinternes Ethikkonsil, sowie eine genaue Dokumentation sind wichtige Aspekte bei diesen Entscheidungen.

 

MedR OA Dr. Johann Zoidl – Cannabinoide: Erfahrungen bei Tumorschmerzen und Appetitlosigkeit

Für die Anwendung von Hanfpräparaten gibt es eine jahrhundertelange Erfahrung, doch später wurden diese – mit dem Aufkommen medikamentöser Therapiemöglichkeiten – verdammt. Bei den Cannabinoiden sind THC und CBD die beiden medizinisch relevantesten. Sie wirken auf das Endocannabinoidsystem, das den gesamten Körper anspricht und diesen in Balance hält. Cannabinoide wirken bei Angst, Schmerz, hohem Muskeltonus, sie sorgen für Erholung, fördern die Verarbeitung negativer Erlebensinhalte, bieten zellulären Schutz, wirken appetitanregend und – das gilt insbesondere bei CBD – auch neuroprotektiv. Synthetische Präparate wie Dronabinol haben eine analgetische und psychoaktive Wirkung. Patienten, bei denen ein THC-Präparat verabreicht wurde, berichten, dass der Schmerz zwar noch vorhanden sei, aber nicht mehr so störe. Zudem gibt es erste Hinweise, dass CBD das Tumorwachstum bei Hirntumoren hemmt.

 

Mag.a Petra Klambauer – Orale Anti-Tumortherapie: Warum es darauf ankommt, wie es ankommt

Die Entwicklung zielgerichteter Krebsmedikamente hat dazu geführt, dass heutzutage immer mehr Tumortherapien oral eingenommen werden können. Diese Entwicklung geht mit einem veränderten Rollenbild bei Medizinern und Patienten einher. Letztere erhalten mehr Verantwortung. Neben den Vorteilen der oralen Therapie wie z. B. weniger Wartezeiten, Ortsungebundenheit, aber auch weniger Venenpunktionen, zeigen sich auch Nachteile. Dazu zählen der reduzierte Kontakt mit dem Behandlerteam, sowie Probleme mit der Bioverfügbarkeit und mit der Adhärenz. Nur ca. 50 % der Patienten nimmt Medikamente dauerhaft richtig sein. Die Adhärenz wird von mehreren Faktoren beeinflusst: Geschlecht, Alter, Krankheitsstadium, Anzahl der Präparate, Kommunikationsqualität mit dem Behandler und Zuzahlungen sind nur einige davon. Je länger die Therapie dauert, umso niedriger ist die Therapietreue. Um die Adhärenz zu fördern, empfiehlt Mag.a Klambauer u. a. eine umfassende Aufklärung (idealerweise unter Zuhilfenahme von Bildmaterial), Unterstützung durch Vertrauenspersonen, Medikamentendispenser und Merkzettel/digitale Apps, um die Patienten an die Einnahme der Präparate zu erinnern.

 

Dr. Christoph Karl Habringer – Physiotherapie beim „fitten“ palliativen Patienten

Anders als Onkologen, die ihr Therapieziel primär danach ausrichten, ob eine potenziell kurative oder palliative Erkrankung vorliegt, orientieren sich die Therapieziele in der physikalischen Therapie hauptsächlich an der Fitness des Patienten. Bei der Einschätzung derselben herrschen unterschiedliche Sichtweisen. Je fitter ein Patient ist, desto wichtiger ist die Dekonditionierungsprophylaxe. Bei dieser kommt der Ernährungsoptimierung eine bedeutende Rolle zu. Mit Ausdauertraining wird der körperlichen Dekonditionierung bei Fatigue, Anämie etc. entgegengewirkt. Empfohlen sind 50-Minuten-Einheiten, zweimal wöchentlich mit einer Belastung von 60-80 % der maximalen Herzkraft (aerober Belastungsbereich). Das Krafttraining kommt bei Schwäche oder auch Gelenkschmerzen zum Einsatz und hilft auch, Knochensubstanz aufzubauen. Es wird 2-3x pro Woche durchgeführt, die Belastung orientiert sich am Patienten. Angepeilt werden 3 Sätze á 12-15 Wiederholungen. Die Entstauungstherapie kann – je nach Stadium des Lymphödems – die Beschwerden entweder rückgängig machen oder zumindest lindern. Schonung ist kontraproduktiv und fördert Lymphödeme. Die onkologische Rehabilitation wird stationär und ambulant angeboten. Beratung und Unterstützung bei der Antragsstellung bieten im Ordensklinikum die neuen Rehacoaches.

 

Ass.-Prof.in Dr.in Irene Kührer – Die richtige Ernährung unter palliativer Chemotherapie

Die palliative Chemotherapie soll weder Nebenwirkungen auslösen noch Komorbiditäten verstärken. Sie hat zum Ziel, bestimmte Beschwerden zu lindern – etwa den Kapselspannungsschmerz bei Lebermetastasen. Dabei gilt es zu beachten, dass gerade ältere Menschen häufig bereits vor Diagnose einer Krebserkrankung mangelernährt sind. Dieses Phänomen steht im engen Zusammenhang mit sozialen Problemen, aber auch der geistigen Verfassung der Patienten. Vergleicht man den Ist-/Soll-Verzehr bestimmter Nahrungsmittelgruppen, so zeigen sich große Unterschiede. Von Milch- und Milchprodukten wird von älteren Patienten nur ein Viertel der empfohlenen Menge verzehrt. Der Fleischkonsum liegt hingegen deutlich über der Empfehlung. Eine interdisziplinäre Ernährungstherapie mit individuellen Ernährungsempfehlungen kann die Prognose der Patienten verbessern, auf jeden Fall erhöht sie die Lebensqualität.

 

OA Dr. David Fuchs – Autonomie und Alltag in der Palliativphase

Die Autonomie, also die „Selbstbestimmung“, wird in zwei Arten unterteilt: Die positive Autonomie meint die Freiheit ZU etwas (etwa Meinungsfreiheit), die negative Autonomie die Freiheit VON etwas (etwa die Ablehnung einer medizinischen Behandlung). Hinter dem Begriff der Autonomie steckt der Wunsch, Patienten vor einer paternalistischen Medizin zu schützen. Das dahinterliegende Prinzip der „informierten Einwilligung“ ist erst einige Jahrzehnte alt. Als problematisch wird dabei die idealisierte rationalistisch-individualistische Autonomiedefinition erachtet. Diese birgt die Gefahr, dass sich Ärzte aus ihrer Verantwortung zurückziehen. Patientenwünsche könnten beispielsweise als Ausrede für sinnlose Therapien verwendet werden. Deswegen definiert sich für OA Dr. Fuchs die Autonomie in der Beziehung zwischen Arzt und Patient. Er spricht in diesem Zusammenhang von der „Logik der Sorge“. Die Sorge ist die Aufmerksamkeit für das Konkrete in einer individuellen Situation. Patienten können ihre Autonomie auf vielfältige Art und Weise spüren – etwa im „normal sein“ (den Körper wahrnehmen, Energie spüren, Berührungen), aber auch durch tägliche Aktivitäten, im Schmieden von Plänen (selbst wenn diese unrealistisch sind) und im Beschenken anderer Menschen. Patienten wollen zudem möglichst für sich sorgen können und keine „Last“ sein. Bezüglich der juristischen Dimension steht der Wille des Patienten an erster Stelle. Aber: Niemand darf sich eine medizinisch nicht indizierte Therapie wünschen und diese dann erhalten.

 

Dr. Erwin Rebhandl – Die Rolle des Hausarztes bei der Therapiewahl und deren Ablehnung durch ältere Krebspatienten

Hausärzte kennen ihre Patienten meist schon lange vor Diagnose einer Krebserkrankung. Sie haben daher oftmals den medizinisch besten Einblick über die konkreten medizinischen Probleme des Patienten, die durch fortgeschrittenes Alter, die Lebensumstände sowie den Ernährungszustand beeinflusst werden. Gerade bei älteren Patienten bedarf es weiterer klinischer Studien zum Nutzen einer Tumortherapie. Bezüglich der Therapieziele geht es beim alten Menschen nämlich auch in der kurativen Situation um den Erhalt der Lebensqualität und – soweit auch möglich – die Verlängerung der Lebenszeit. Schmerzen sorgen bei Patienten für die größten Ängste. Diesen soll laut Dr. Rebhandl mit einer adäquaten Schmerztherapie entgegengetreten werden. Mit einem onkologisch-geriatrischen Assessment ist es möglich, die individuelle Situation des Patienten zu erfassen. Zu diesem zählt die Lebenserwartung, die Abschätzung etwaiger tumorbedingter Symptome sowie potenzieller Einschränkungen der Lebensqualität. Generell sollte der Hausarzt bei der Therapieentscheidung miteinbezogen werden. Für große Zurückhaltung plädiert Dr. Rebhandl bei der zeitlich konkreten Angabe der Lebenserwartung eines Patienten mit einer Krebserkrankung. Hier empfiehlt er, nur eine Bandbreite anzugeben.

 

Univ.-Doz. Dr. Ansgar Weltermann – Lohnt sich das alles noch? Eine ethische Frage

Mediziner reden gerne darüber, was sie leisten können, aber ungern darüber, was sie nicht können. Wichtig ist die Reflexion darüber, wo die Grenzen der Medizin liegen. Letzteres geschieht unter anderem im Tumorboard: Experten der verschiedenen Fachdisziplinen erstellen gemeinsam einen Behandlungsvorschlag für jeden einzelnen Patienten, in welchem die Grenze zwischen dem medizinisch Möglichen und dem ethisch Vertretbaren beleuchtet wird. Bei Durchführung einer palliativen medikamentösen Tumortherapie stellt sich für Patienten, Angehörige und Behandlerteam die Frage, wie hoch die Chance auf Linderung palliativer Tumorsymptome sein muss, damit sich eine Chemotherapie „lohnt“. Eine Studie vor der Jahrtausendwende zeigt, dass Krebspatienten im Vergleich zu gesunden Menschen, onkologischem Fachpflegepersonal wie auch Ärzten durchschnittlich eher bereit sind, eine Therapie auch bei sehr niedriger Wahrscheinlichkeit eines Ansprechens in Kauf zu nehmen. Univ.-Doz. Dr. Weltermann betont die Bedeutung eines Kommunikationstrainings für die patientenzentrierte Kommunikation und die enge Zusammenarbeit mit der Palliativmedizin. In nicht allzu ferner Zukunft werden Therapieentscheidungen durch Künstliche Intelligenz (KI) unterstützt. Bereits jetzt sind in den USA KI-Algorithmen in der Palliativmedizin im Einsatz, die die Lebenserwartung genauer berechnen und Behandlungen optimieren können.

 

Podiumsdiskussion – Was müssen wir in Zukunft tun, um ältere Patienten in palliativer Situation optimal zu betreuen?

Margret Krebelder, DGKP, Dr. Erwin Rebhandl, OA Dr. Helwig Wundsam und Univ.-Doz. Dr. Ansgar Weltermann diskutierten unter der Moderation von PD Dr. Holger Rumpold über die Kernthemen des Kongresses. Neben einem Exkurs zum im vorangegangenen Vortrag angeschnittenen Thema KI, standen die Autonomie des Patienten und das Abwägen von Lebensqualität und lebensverlängernden Maßnahmen im Vordergrund. Einigkeit herrschte darüber, dass interdisziplinäres Zusammenarbeiten und die Debatte bzw. Konsenssuche im Tumorboard unverzichtbar sind. Zudem zeigte sich, dass einige der Kongressthemen nicht nur alte, sondern praktisch alle Patienten betreffen können. Bezüglich KI kristallisierte sich eine vorsichtig optimistische Sichtweise heraus. Diese helfe zwar Muster zu finden, sie entbinde aber Ärzte nicht von der Verantwortung für ihre Entscheidungen, so der Grundtenor. Es sei wichtig, sich bereits heute mit dieser Technologie auseinanderzusetzen.

Onkologie für die Praxis