Seit einem Jahr gibt es am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern ein interdisziplinäres PERT-Team, das Pulmonalembolien diagnostiziert, therapiert und nachbetreut. Das Team hat die Diagnostik und die Behandlungspfade optimiert und neue Therapieverfahren eingeführt.
Seit 2019 wird in den Guidelines der Europäischen Kardiologiegesellschaft empfohlen, dass Pulmonalembolien (PE) von interdisziplinären Teams behandelt werden sollen. OA Dr. Johannes Neumeister, Leitung Internistische Intensivstation, PERT (Pulmonary Embolism Response Team) -Koordinator, Interne II – Kardiologie und Internistische Intensivmedizin, Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern, erläutert: „Trotz Empfehlung sind interdisziplinäre PERT-Teams noch wenig etabliert.“
Warum braucht es ein PERT-Team?
„Bei einem Herzinfarkt weiß jede*r zu jeder Minute, was zu tun ist,“ erklärt der Kardiologe. „Es gibt eine maximale Therapie, die durchgetaktet ist.“ Das gibt es für die PE nicht, weil es zu wenige Studien gibt, die ein detailliertes Vorgehen, bzgl. erweiterter Therapien, empfehlen. Der Experte hält fest: „Im Vergleich zum Herzinfarkt hinken wir in der Versorgung Jahre hintennach, obwohl die PE nach Myokardinfarkt und Schlaganfall die dritthäufigste kardiovaskuläre Todesursache ist. Für die optimale Therapie braucht es Spezialist*innen, und erweiterte Therapien müssen individuell früher angeboten werden.“
Bei einer akuten PE sind durch die Thromboembolie die Sauerstoffversorgung durch die Lunge, die Herzleistung und die peripheren Venensysteme betroffen. Auch können Komplikationen wie paradoxe arterielle Embolien mit Schlaganfällen und akuten Ischämien der Extremitäten auftreten. „Das kann sehr komplex sein“, schildert OA Neumeister. „Wir sehen immer wieder Fälle, bei denen es durch ein Loch im Herz (PFO) und eine PE zu einer Ischämie im Bein oder zu Schlaganfällen kommt, was interdisziplinär rasch behandelt werden muss.“
Start für PERT-Team
Vor einem Jahr wurde das PERT-Team gegründet, das aus Kardiolog*innen, Intensivmediziner*innen, interventionellen Radiolog*innen sowie Gerinnungsexpert*innen besteht. Seit 2026 sind Gefäßchirurg*innen aus dem Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz mit dabei. Das Team beschäftigt sich mit allem rund um eine PE: von der Prävention einer Venenthrombose über die Behandlung einer akuten PE bis hin zur Nachbetreuung. OA Neumeister betont: „Manche Patient*innen leiden nach der Therapie noch an Beschwerden, deshalb ist uns die Nachbetreuung ein Anliegen, um niemanden mit Schäden zu übersehen.“ Zwei bis drei Prozent der Patient*innen entwickeln eine chronisch thromboembolische pulmonale Hypertonie (CTEPH). „Mittels Screening können wir sie rechtzeitig herausfiltern und an die Spezialambulanz im Ordensklinikum Linz Elisabethinen überweisen“, erklärt OA Neumeister.

OA Kupfertaler, Leiter der Diagnostischen und Interventionellen Radiologie am Ordensklinikum Linz und OA Nöbauer, Standortleitung Diagnostische und interventionelle Radiologie Barmherzige Brüder nehmen in der Angiographie eine Thrombektomie vor.

Thrombusmaterial aus der Pulmonalarterie.
Rasche Diagnostik
Der Kardiologe betont: „Eine PE ist nicht immer leicht zu diagnostizieren und wird daher häufig übersehen. Deshalb haben wir die Diagnostik und die Behandlungspfade optimiert und neue interne Therapierichtlinien erstellt, sodass wir ein Maximum an derzeit vorhandenen Therapien anbieten können.“ Außerdem wurde das Team in der Notfallambulanz (NFA) für das Thema sensibilisiert und geschult. „Wir sehen bereits Erfolge“, freut sich der Experte. „Die Mitarbeiter*innen erkennen PE sehr schnell. Kommt ein Patient z. B. mit Dyspnoe, werden ihm bei der Aufnahme die richtigen Fragen, wie nach Immobilität oder anderen Risikofaktoren, gestellt. Außerdem ist unsere NFA sehr gut ausgestattet und Kardiolog*innen sind immer präsent, eine relevante PE kann daher rasch festgestellt und therapiert werden.“
Neue Therapien
Laut den noch gültigen Guidelines von 2019 soll Patient*innen mit einer schweren PE, bei denen ein Kreislaufversagen und somit Lebensgefahr besteht, eine Lysetherapie verabreicht werden. OA Neumeister klärt auf: „Patient*innen, die zwar eine schwere PE, aber noch einen relativ stabilen Blutdruck bzw. noch keine Anzeichen von Kreislaufversagen haben, bekommen keine Lysetherapie, weil sie mit einem signifikanten Blutungsrisiko verbunden ist.“ Rund zwei bis drei Prozent der Patient*innen erleiden eine Hirnblutung, ca. sechs bis zehn Prozent eine relevante Blutung an einer anderen Stelle.

OA Neumeister weist darauf hin: „Wenn erst bei einem Kreislaufversagen gehandelt wird, ist es oft schon zu spät.“ Hier kommen neue personalisierte Methoden ins Spiel, die sicherer als hochdosierte Lysegaben sind. „Wir dosieren etwa Lysegaben niedriger, wodurch sie potenziell nicht so oft zu Blutungen führen. Dies geschieht im Rahmen von Studien. Auch sind lokale Lysemethoden in der Lunge und bei peripheren arteriellen Verschlüssen möglich, wodurch potenziell weniger Nebenwirkungen auftreten, oder wir aspirieren den Thrombus durch einen Kathetereingriff“, erklärt der Kardiologe. Die interventionelle Thrombektomie hat sich als neues minimalinvasives Verfahren zur Behandlung von relevanten PEs bei geeigneten Patient*innen immer mehr etabliert .Der*Die interventionelle Radiolog*in gelangt mittels Katheter über die Leistenvene durch den rechten Vorhof und die rechte Herzkammer bis in die Lungenarterie. Dort saugt er*sie den Thrombus ohne erhöhtes Blutungsrisiko ab. OA Neumeister betont: „Das neue Verfahren ist noch nicht in den Guidelines enthalten, daher muss der Eingriff interdisziplinär gut indiziert sein und individuell abgewogen werden.“ Die Methode wird international angewendet und auch in Österreich in einigen Spitälern durchgeführt. „Bei der richtigen Patientenselektion ist die Thrombektomie sehr wirksam und in der Anwendung sicher. Derzeit laufen internationale Studien zu diesen Therapien und wir werden hoffentlich 2027 neue Guidelines bekommen“, erklärt der Experte.
Diese erweiterten Therapien werden in Zusammenarbeit mit der Interventionellen Radiologie am Ordensklinikum Barmherzige Schwestern und durch die Interne II Kardiologie, Angiologie & Interne Intensivmedizin am Standort Elisabethinen angeboten.
Interdisziplinärer Austausch
Das PERT-Team arbeitet mit der Abteilung für Kardiologie am Ordensklinikum Linz Elisabethinen zusammen. OA Neumeister berichtet: „Wir planen einen Workshop, u. a. zum Thema Prävention, um uns gemeinsam weiterzuentwickeln. Im Krankenhaus Barmherzige Schwestern gibt es die Abteilungen für Orthopädie, Tumorchirurgie und Gynäkologie. Schwangere und Patient*innen mit orthopädischen Eingriffen an den unteren Extremitäten oder mit Tumorerkrankungen haben ein deutlich erhöhtes Thromboserisiko. Deshalb ist eine primäre und sekundäre Prophylaxe wichtig.“ Die Expert*innen von der Gerinnungsambulanz der Abteilung Interne I – Hämatologie mit Stammzelltransplantation, Hämostaseologie und medizinische Onkologie am Ordensklinikum Linz Elisabethinen haben ein Präventivprogramm im Rahmen des Tumorzentrum Oberösterreich etabliert.
„Da es im Bereich der PE wenig Daten aus Österreich gibt, erstellen wir im Ordensklinikum Linz ein eigenes Pulmonalembolie-Register,“ berichtet OA Neumeister, „damit wir unser PE-Programm in den nächsten Jahren wissenschaftlich begleiten und eine evidenzbasierte Medizin anbieten können.“
Für die Zukunft plant das PERT-Team, regionalen Spitälern ein Konsil und/oder eine Zuweisung von Patient*innen mit PE zu ermöglichen. Der PERT-Koordinator erläutert: „In den Niederlanden, in Polen oder Deutschland gibt es in manchen Regionen ein Netzwerk von PE-Teams, bei denen sich Spitalsärzt*innen beraten lassen und wenn nötig ans Zentrum überweisen können.“ Mit dem Krankenhaus der Barmherzigen Brüder besteht bereits eine Kooperation zur Übernahme von Patient*innen mit akuter PE.
Fallbericht:
Vorgeschichte: 61a Mann wird mit starker Dyspnoe, Thoraxschmerz und stark schmerzhaftem Bein re in der NFA vorstellig. Der Patient wird rasch sauerstoffpflichtig. Das Bein re imponiert kalt und blass.
Risikofaktoren bzw. Begleiterkrankungen: Adipositas, COPD II, art.HT, Nikotinkonsum, DM II, C2 Labor: NTproBNP 3573, Trop-T 150; Vitalzeichen: 123/min, BD 116/74 mmHg; initial SpO2 93 % mit 6L O2 -> Rasche Verschlechterung -> NIV, PESI-Score: 141 (Very high Risk 13–24 %)
Echo: Akutes Cor pulmonale mit hoch gradig eingeschränkter RVEF.
CT: 1) Zentrale PAE li mit reitendem Thrombus und zentral/peripher re + Infarktpneumonie 2) Arterieller Gefäßverschluss P1-P2 re UEX + TVT
Arbeitsdiagnose: Intermediate-High-Risk PE + Akute, kritische Ischämie des rechten Beins bei arteriellem Verschluss bei V.a. paradoxe Embolie über ein PFO.
Problemstellung: Hohes OP-Risiko aufgrund der schweren Lungenembolie, falls eine chirurgische Thrombektomie des Beines notwendig werden sollte. Hohes Risiko für einen Kreislaufkollaps sowie einer intrazerebralen Blutung im Falle einer Lysetherapie aufgrund des C2-Abusus und des PFO.
Therapie am Ordensklinikum Linz: Es wurde unter NIV-Therapie eine mechanische Thrombektomie der PE durchgeführt, die zur Stabilisierung der Hämodynamik führte. Im Anschluss erfolgte eine Aspirationsthrombektomie des arteriellen Beinverschlusses. Für ein optimales Ergebnis der Beindurchblutung wurde eine Low-dose-Lysetherapie mittels Katheter durchgeführt.
Keine Komplikationen. In der Nachkontrolle ist der Patient beschwerdefrei und ohne Spätfolgen.
PERT-Team Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern
Kontakt über diensthabende*n Kardiolog*in
oder Pert.bhs@ordensklinikum.at
Für Krankenhäuser ohne PERT ist eine Zuweisung möglich.