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Ordensklinikum Linz

Postpartale Harninkontinenz: Frühe Therapie verbessert Lebensqualität

Datum: 10.08.2026

Ungewollter Harnverlust rund um die Schwangerschaft und Geburt betrifft rund jede vierte Frau. Die Grenze zwischen physiologischen Veränderungen und behandlungsbedürftigen Beschwerden ist fließend, viele Betroffene suchen erst spät Hilfe.

 

Inkontinenz im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt ist ein weit verbreitetes Problem. „Viele Frauen sprechen ihre Symptome nicht an, obwohl gezielte Maßnahmen sinnvoll und wirksam wären“, so OA Dr. Johannes Arminger, Leiter des Beckenboden Zentrum Linz am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern.

 

Inkontinenz in der Schwangerschaft

Während der Schwangerschaft berichten 90 bis 95 Prozent aller Frauen über einen deutlich erhöhten Harndrang. Zusätzlich erleben bis zu einem Viertel der Schwangeren eine Harninkontinenz. Ursache ist unter anderem der zunehmende Druck der wachsenden Gebärmutter und des Kindes auf den Beckenboden. Etwa jede vierte Frau leidet noch bis zu zwei Jahre post partum unter Harninkontinenz. Risikofaktoren sind mehrere sowie erschwerte Geburten, Kinder mit hohem Geburtsgewicht, Geburten mit Saugglocke und/oder höhergradige Dammrisse, Übergewicht, Nikotin- und hoher Koffeinkonsum.

 

Frühzeitig Hilfe holen

„Viele Frauen akzeptieren ihre Beschwerden über lange Zeit, weil Inkontinenz stark tabuisiert ist. Ein vermehrter Harndrang ist während der Schwangerschaft physiologisch bedingt. Die Grenze zwischen einer normalen Veränderung und einem behandlungsbedürftigen Problem ist individuell zu ziehen. „Die*Der Gynäkologin* bzw. Gynäkologe* sollte bei der Erstkontrolle nach der Entbindung das Thema ansprechen“, so OA Arminger, „denn je früher Inkontinenz thematisiert wird, desto schneller und effektiver kann geholfen werden.“ Wann Patientinnen* Unterstützung suchen, ist individuell unterschiedlich und abhängig vom persönlichen Leidensdruck.“

 

Qualität des Beckenbodentrainings entscheidend

OA Arminger empfiehlt: „Frauen sollten am besten bereits während der Schwangerschaft ein Beckenbodentraining durchführen.“ Mit Rückbildungsgymnastik sollten alle Frauen sechs bis acht Wochen nach einer Geburt starten und den Fokus auf den Beckenboden legen. Inkontinenz tritt nach einer Geburt häufig auf, bei den meisten Frauen bildet sie sich innerhalb von zwei Jahren zurück. „Beckenbodentraining beschleunigt die Rückbildung und reduziert das Risiko, dass Inkontinenz ein längeres Thema bleibt“, erläutert OA Arminger.  

Niederschwellige Angebote, etwa über YouTube, können einen ersten Einstieg bieten. OA Arminger betont: „In der Praxis zeigt sich jedoch, dass Patientinnen* Schwierigkeiten haben, die Beckenbodenmuskulatur gezielt anzusteuern. Dadurch wird ineffektiv oder sogar falsch trainiert. Eine Überweisung zur Physiotherapie ist daher sinnvoll. Dort lernen die Frauen, den Beckenboden korrekt wahrzunehmen und gezielt zu trainieren. Das verbessert Trainingsqualität und Beschwerdelinderung deutlich.“ Wenn sich keine Besserung einstellt, kann das Beckenbodentraining mit Elektrostimulation oder Biofeedback unterstützt werden. „Damit können die Patientinnen* den Beckenboden besser ansteuern“, erläutert der Experte. „Dafür ist ein Verordnungsschein notwendig. Physiotherapeut*innen weisen die Patientinnen* ein, und diese üben anschließend drei Monate lang zu Hause mit einem Leihgerät.“ Reicht das nicht aus, stehen medikamentöse Therapien bis hin zu operativen Eingriffen zur Verfügung.

 

Weitere Therapieansätze

Als erste Maßnahme bei einer Belastungsinkontinenz können Inkontinenztampons verordnet werden. Diese üben Druck auf die Harnröhre aus, wodurch die Frau weniger Harn verliert. Bei einer leichten Senkung könnte die*der Gynäkologin* bzw. Gynäkologe* eine Pessartherapie anbieten. Der Experte weist darauf hin: „Das ist vom Prinzip her ähnlich wie ein Inkontinenztampon und stabilisiert die Harnröhre.“ Diese Maßnahmen dienen teilweise auch zur Überbrückung bis zur operativen Sanierung oder begleitend zum Beckenbodentraining. „Wenn kein großer Leidensdruck besteht, sollte eine Inkontinenzoperation erst nach abgeschlossenem Kinderwunsch durchgeführt werden“, erklärt OA Arminger. „Bei einer weiteren Geburt besteht die Gefahr, dass es erneut zur Inkontinenz kommt. Re-Operationen sind potenziell schwieriger durchzuführen und meist weniger effektiv.“

   

OA Dr. Johannes Arminger, Leiter des Beckenboden Zentrum Linz am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern

 

Bei einer Dranginkontinenz kann ein gezieltes Miktionstraining helfen – wenn dieses keinen Erfolg zeigt, können Anticholinergika verordnet werden. Seit einigen Jahren ist zusätzlich ein Präparat mit dem Beta-3-Adrenozeptor-Agonisten Mirabegron verfügbar. Diese Medikamente entspannen die glatte Muskulatur der Harnblase, wodurch sich das Blasenfassungsvermögen erhöht und der übermäßige Harndrang reduziert wird. OA Arminger erläutert: „Die Präparate sind grundsätzlich gut verträglich, jedoch können bei Anticholinergika Nebenwirkungen wie Obstipation oder Mundtrockenheit auftreten.“

Eine Überweisung ans Beckenbodenzentrum ist erst sinnvoll, wenn Patientinnen* vorab bereits eine konservative Therapie wie physiotherapeutisch angeleitetes Beckenbodentraining durchgeführt haben. „Ein Eingriff sollte natürlich erst erfolgen, wenn nichtoperative Therapien zu keinem Erfolg geführt haben“, betont OA Arminger.

 

Operative Therapieoptionen

Bei der Belastungsinkontinenz gilt die Einlage eines Tension-free Vaginal Tape (TVT) als Goldstandard. Es handelt sich dabei um ein Kunststoffband, das von der Scheide aus unter der Harnröhre platziert wird. OA Arminger erklärt: „Wir führen den Eingriff minimalinvasiv mit retropubischer Bandführung durch.“ Der Zugang erfolgt mit einer kleinen Inzision in der vorderen Scheidenwand und zwei winzigen Stichinzisionen oberhalb des Schambeins. Das Band stützt die Harnröhre und verhindert, dass bei Bauchdruck durch Husten, Niesen oder Lachen Urin unkontrolliert entweicht. Wenn das Band gut liegt und es keine Komplikationen gibt, nehmen die Patientinnen* das Band nicht wahr. „Die Operation dauert rund 15 Minuten“, erklärt der Urogynäkologe, „und sollte nur von geschulten Operateur*innen durchgeführt werden, da Blase oder Gefäße verletzt werden können.“ Am Beckenboden Zentrum Linz wird der Eingriff mit einer Übernachtung vorgenommen. OA Arminger erläutert: „Wir wollen kontrollieren, ob die Patientinnen* die Blase gut entleeren können und keinen Restharn haben.“ Die Erfolgsrate liegt bei über 90 Prozent. Neue Daten zeigen, dass die Bänder auch über 20 Jahre effektiv sind.

„Manche Patientinnen* möchten kein Kunststoffband im Körper haben“, ergänzt OA Arminger. „Als Alternative bieten wir die Bulking-Agent-Therapie an.“ Dabei werden Gel-Polster im Bereich der Harnröhre mit einer kurzen Zystoskopie unter Sicht eingespritzt. Diese „unterpolstern“ die Harnröhre und verkleinern somit den Harnröhrendurchmesser. „Der Eingriff erfolgt meist in Lokalanästhesie“, erläutert der Experte, „die Patientin* muss dabei nicht nüchtern sein. Nach der Operation wird noch eine Restharnkontrolle durchgeführt und im Anschluss kann die Patientin* nach Hause gehen.“ Die Komplikationsrate ist sehr gering. Der Eingriff ist allerdings weniger effizient als eine Band-Operation, bei ausgeprägten Formen einer Inkontinenz liegt der Therapieerfolg bei etwa 60 Prozent.

Bei therapieresistenter Dranginkontinenz, wovon verhältnismäßig weniger Frauen nach einer Schwangerschaft betroffen sind, kann eine Therapie mit Botox erfolgen. In lokaler Betäubung wird eine Zystoskopie durchgeführt und Botox in den Blasenmuskel gespritzt, wodurch er seine Sensibilität verliert. Da die Wirkung zeitlich begrenzt ist, muss der Prozess häufig alle ein bis zwei Jahre wiederholt werden.

 

 

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