Aktuelles

Ordensklinikum Linz

"Oft fällt es leichter, etwas zu tun, als etwas nicht mehr zu tun.“

Der Leiter unserer Palliativstation St. Louise, OA Dr. Johann Zoidl, spricht im Interview über die Chancen und Möglichkeiten der palliativmedizinischen Versorgung, über das Spannungsfeld kurative/palliative Medizin und darüber, wie wichtig es ist, sich selbst und sein Leben mit allen Facetten anzunehmen.

Herr OA Zoidl, was hat sich im letzten Jahrzehnt durch die Palliativstation in unserem Krankenhaus verändert?

OA Dr. Zoidl: Die palliativmedizinische Betreuung hat in diesen zehn Jahren einen sehr positiven Imagewandel erlebt und nimmt mittlerweile einen viel höheren Stellenwert ein als zu Beginn. Wir werden von den Kollegen aus Medizin und Pflege als wertvolle Unterstützer und Ratgeber wahrgenommen, was uns zeigt, dass die Palliativstation ein fixer integrativer Bestandteil unserer Spitalskultur geworden ist. Das war aber nicht immer so. Wir hatten einen schwierigen Start, da das palliative Gedankengut zum damaligen Zeitpunkt noch weitgehend unbekannt war. Immer wieder tauchte die Frage auf, wozu eine eigene Station notwendig sei, wenn ohnehin alle Akutabteilungen eine professionelle Schmerztherapie und Patientengespräche anbieten können. Diese Einwände sind heute Gott sei Dank kein Thema mehr.

Wie sieht eine palliativmedizinische Betreuung aus? Wo beginnt sie bzw. wo endet die kurative Therapie?

OA Dr. Zoidl: Als oberste Prämisse der kurativen Medizin gilt die Verlängerung der Lebenszeit. Die Palliativmedizin schlägt eine andere Richtung ein und fragt sich, was in diesem verbleibenden Leben noch drin sein soll. Welchen Nutzen zieht der Patient aus einer weiteren Therapie, die ihm in seiner aktuellen Situation nicht mehr hilft, aber viele quälende Begleiterscheinungen mit sich bringt? In solchen Fällen ist eine sehr offene und ehrliche Kommunikation mit den Kollegen aus den anderen Abteilungen sowie den betroffenen Menschen notwendig. Es ist immer leichter, etwas zu tun, als etwas nicht mehr zu tun. Denn wenn ich eine Behandlung abbreche, muss ich mich vor mir selbst, dem Patienten und seinen Angehörigen rechtfertigen; aber wenn ich weitere therapeutische Schritte einleite, dann tue ich zumindest ETWAS für den kranken Menschen, auch wenn es ihm wahrscheinlich nicht mehr hilft und Nebenwirkungen seine letzten Tage bestimmen.

Wie geht es nach einem Therapieabbruch weiter?

OA Dr. Zoidl: Das Absetzen einer Therapie bedeutet nicht, dass der Patient nun innerhalb kürzester Zeit versterben wird, sondern dass sich seine Lebensqualität den Umständen entsprechend verbessern kann. Es bleiben nun Zeit und Raum für andere wichtige Dinge, wie etwa das Aussöhnen mit sich selbst, mit seinem Leben und/oder seiner Familie. Wir erleben immer wieder mit Staunen, wie viel in der letzten Lebensphase noch „heil“ werden kann. Aber dafür müssen wir diesen Menschen und ihren Familien den Weg frei machen, sie mit psychotherapeutischen, pflegerischen und natürlich medizinischen Maßnahmen, wie etwa der Schmerzlinderung, unterstützen.

Es geht hier auch sehr stark um das Annehmen der aktuellen Situation. Das ist viel schwieriger, wenn noch therapeutische Maßnahmen am Laufen sind. Denn solange eine Therapie verabreicht wird, hat der Patient immer noch die Hoffnung weiterzuleben und schiebt wichtige persönliche Dinge dadurch oftmals auf. Wir müssen diesen Menschen dann sagen, dass das Leben JETZT stattfindet und es dieses „Nach der Therapie, dann …“ plötzlich nicht mehr geben wird.

Wie erleben Ihre Patienten die palliativmedizinische Betreuung, das Loslassen von der Hoffnung auf Heilung?

OA Dr. Zoidl: Oft sagen Patienten, dass die Zeit auf der Palliativstation die schönste in ihrem Leben ist. Weil sie hier bedingungslos angenommen werden, niemand etwas von ihnen erwartet. Sie müssen nicht mehr angepasst sein, nichts und niemandem mehr entsprechen. Auf unserer Station werden viele kranke Menschen erstmals richtig frei und – so skurril es auch klingen mag – nehmen das Leben nun viel intensiver wahr als in all den Jahren zuvor. Wenn die letzte Lebensphase so verläuft, wie es dem tiefen Inneren eines Menschen entspricht, kann vieles von einem zuvor unglücklich verlaufenen Leben geheilt werden. Umgekehrt kann aber auch ein leidvolles Ableben viel Gutes von früher in Frage stellen. Ich bin mir sicher, dass viele sterbenskranke Menschen keiner weiteren belastenden Therapie mehr zustimmen würden, wenn sie all das wüssten bzw. selbst spüren könnten.

Gibt es Patienten, die von sich aus eine weitere Therapie ablehnen?

OA Dr. Zoidl: Sehr wenige. Aber wenn ein Patient, der noch voll urteilsfähig ist, eine derartige Entscheidung trifft, dann müssen wir diese akzeptieren – und sei sie noch so unvernünftig. Wir sind in diesem Zusammenhang aber aufgefordert, einen offenen Dialog mit ihm und den Kollegen aus den anderen Abteilungen zu führen und es dem Patienten auch ehrlich zu sagen, wenn wir eine weitere Therapie für sinnvoll erachten würden. Wird die Behandlung aber dennoch abgelehnt, nehmen wir seine Entscheidung an und leiten eine palliative Betreuung in die Wege. Selten gibt es auch einmal den umgekehrten Weg, dass Patienten aufgrund der palliativen Betreuung plötzlich doch noch einer weiteren sinnvollen Therapie zustimmen.

Welche Herausforderungen sehen Sie in der Begleitung von Schwerkranken und Sterbenden?

OA Dr. Zoidl: Das Wichtigste ist der Vertrauensaufbau. Wir müssen unseren Patienten Sicherheit vermitteln und das Gefühl, dass wir sie, ihre Sorgen und ihre Schmerzen wirklich ernst nehmen. Mittels offener, ehrlicher Gespräche erklären wir ihnen, welche Schritte wann, warum gesetzt werden. Bei uns haben die Patienten auch eine sehr hohe Entscheidungsfreiheit – die Wahrung ihrer Würde und Autonomie ist ein wichtiger Punkt.

Welche Wünsche bzw. Wertigkeiten haben Menschen, die mit der Endlichkeit des eigenen Lebens konfrontiert werden? Was verändert sich?

OA Dr. Zoidl: Alles, was begrenzt ist, wird plötzlich wertvoll. So ist es auch mit unserem Leben. Daher sollen wir es als einzigartiges Geschenk erachten, bewusst „da sein“ und uns nicht dagegen auflehnen. Bei unseren Patienten sehen wir immer wieder, wie sich in der letzten Phase vor dem Sterben plötzlich Dankbarkeit einstellt. Etwa, weil sie einen versöhnlichen Blick auf ihr Leben geworfen oder sich mit ihren Angehörigen ausgesprochen haben. Diese Menschen schätzen Kleinigkeiten wie eine Fußmassage oder wenn sie sich einen Teil ihrer Autonomie bewahren, indem sie zum Beispiel ohne fremde Hilfe aus dem Bett steigen können.

OA Dr. Hans Peter Zoidl

Was zeigt Ihnen Ihre Arbeit laufend auf?
OA Dr. Zoidl: Sie zeigt mir, dass uns das Leben immer zum eigenen Ende hinführt, auch wenn wir nicht wissen, wann dieser Zeitpunkt sein wird. Umso wichtiger ist es, sich selbst des Öfteren die Frage zu stellen, was ich eigentlich aus meinem Leben mache. Vertrödle ich es? Lebe ICH mein Leben oder werde ich gelebt? Erfülle ich nur das, was andere von mir verlangen? Bin ich dermaßen angepasst, dass ich nicht mehr ich selbst bin? Ich kann nur jedem den Rat geben, wirklich auf sein Leben zu achten und darauf zu schauen, was einem wichtig ist und guttut.

Menschen haben aber oft Verpflichtungen, wie etwa Kreditrückzahlungen oder eine Ausbildung in einem bestimmten Fachgebiet, und können daher beispielsweise ihren Arbeitsplatz nicht bzw. nur mit großen finanziellen oder karrieremäßigen Abstrichen verlassen. Was sagen Sie diesen Menschen?

OA Dr. Zoidl: In derartigen Situationen kann man seinen Blickwinkel erweitern und sich die ehrliche Frage stellen, ob es Sinn macht, dass man einen ungeliebten Job für seine Familie oder für die notwendige Kreditrückzahlung weiterhin ausübt. Es ist immer die eigene Entscheidung, ob ich eine Veränderung herbeiführe oder nicht. Wenn ich mich für den aktuellen Arbeitsplatz entscheide, so mache ich das bewusst und kann mir vor Augen führen, warum ich so und nicht anders handle. Wichtig ist das ehrliche Annehmen der aktuellen Situation, denn auch die Arbeitszeit ist Lebenszeit.

Was hat sich bei Ihnen persönlich durch die Tätigkeit auf der Palliativstation verändert?

OA Dr. Zoidl: Ich bin sicherlich ruhiger und gelassener geworden. Die Arbeit hat mein Leben freier gemacht, ich kümmere mich viel mehr um die Intensität, also die Tiefe meines Lebens. Abends erinnere ich mich oft an Begegnungen mit Patienten, an deren Lebensgeschichten, die sie mir anvertraut haben, und dann weiß ich, dass sich mein Einsatz lohnt. Ich bin dankbar für Kleinigkeiten wie Sonnenschein oder ein paar Stunden für mich und meine Familie. Außerdem habe ich gelernt, das Leben mit all seinen Facetten anzunehmen und das Potential dieser Weitläufigkeit zu erkennen und zu schätzen. Leben bedeutet auch, sich von etwas zu verabschieden, denn es kommt immer wieder Neues nach.

Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft?

OA Dr. Zoidl: Meine Vision ist, dass der palliative Gedanke das gesamte Gesundheitssystem durchdringt und das Verständnis für diese Kultur weiter wachsen wird. Palliative Einrichtungen sollen ein Ort des Dialoges sein, an dem sich verschiedene Professionisten austauschen und gemeinsam nach der besten Lösung für den Patienten suchen. Unabhängig davon, ob eine Therapie fortgesetzt wird oder nicht, muss der Patient wissen, dass er nicht alleingelassen wird. Weiters wünsche ich mir, dass die palliative Versorgung nicht nur onkologischen, sondern beispielsweise auch schwer herzkranken Patienten angeboten wird. Der Blick soll erweitert, der Fokus auf die Frage „Welche Menschen brauchen uns?“ gerichtet werden.

 

Nähere Informationen:

Palliative St. Louise