Rund ein Drittel der österreichischen Spitalspatient*innen leidet an Mangelernährung, bei onkologischen Patient*innen ist es die Hälfte. Das Tumorzentrum Oberösterreich hat 2025 erstmals eine Leitlinie zur Identifikation, Therapieinitiierung und zum Monitoring von Mangelernährung publiziert.
Besonders gefährdet für Mangelernährung sind geriatrische, onkologische und gastroenterologische Patient*innen sowie Personen nach schweren chirurgischen Eingriffen mit eingeschränkter Mobilität und Intensivpatient*innen. Die neue Leitlinie dient zur Diagnostik innerhalb des Tumorzentrum Oberösterreich, ist aber auch für Zuweiser* innen ein lohnendes Nachschlagewerk. Barbara Hemmelmayr und Maria Wolfesberger, Diätologinnen am Ordensklinikum Linz, haben gemeinsam mit Diätolog*innen und Expert*innen verschiedener Fachrichtungen aus dem Tumorzentrum Oberösterreich an der Erstellung der Leitlinien mitgewirkt. Hemmelmayr berichtet: „Unser Ziel ist es, Patient*innen mit Mangelernährung zu identifizieren, zu diagnostizieren, einen Behandlungsplan zu erstellen und zu überwachen, um sicherzustellen, dass die Mangelernährung behoben wird.“
Folgen von Mangelernährung
Internationale Daten zeigen, dass die Prävalenz von Mangelernährung in Gesundheitseinrichtungen zwar weit verbreitet ist, aber häufig nicht diagnostiziert wird. Die negativen Konsequenzen sind längere Krankenhausaufenthalte, mehr ungeplante Aufnahmen, höhere Gesundheitskosten und schlechtere Outcomes. Weiters ist Mangelernährung mit erhöhter Morbidität und Mortalität, Stürzen und Wiederaufnahmen ins Krankenhaus verbunden und kann die Genesung erschweren sowie Wundheilungsstörungen und Infekte begünstigen.
Mangelernährung stellt auch ein akutes Problem dar. „Bereits nach wenigen Tagen kann es zu einem klinisch signifikanten Muskelabbau kommen“, erklärt Wolfesberger, „der bei älteren Patient*innen kaum kompensierbar ist.“ Das rechtzeitige Erkennen einer Mangelernährung gewährleistet eine Behandlung mit einem geringeren Gewichtsverlust, weniger Therapieunterbrechungen, einer höheren Lebensqualität und einem niedrigeren Depressions-Score.
Definition Mangelernährung
Von Mangelernährung spricht man, wenn der BMI unter 18,5 kg/m² liegt oder ein ungewollter Gewichtsverlust von 10 % in den letzten drei bis sechs Monaten oder ein BMI < 20 kg/m² und unbeabsichtiger Gewichtsverlust von > 5 % in den letzten drei bis sechs Monaten vorliegt. Bei Erwachsenen ab 65 Jahren gelten folgende Kriterien: Es besteht ein BMI < 20 kg/m² oder ein ungewollter Gewichtsverlust von > 5 % innerhalb von drei Monaten oder zusätzlich eine Nüchternperiode von mehr als sieben Tagen.
Mangelernährung kann bei allen Patient*innen, unabhängig von ihrem BMI, auftreten. Die frühzeitige Identifizierung von Betroffenen ist daher wichtig. Hemmelmayr erläutert: „Das Screening des Ernährungsstatus mittels NRS (Nutritional Risk Screening) übernimmt vorrangig die Pflege im Rahmen der Pflegeanamnese. Das Risiko einer Mangelernährung wird in der Fieberkurve dokumentiert.“ Das Screening wird in wöchentlichen Abständen wiederholt.
Bei Vorliegen eines Risikos auf Mangelernährung bzw. einer manifesten Mangelernährung erfolgt eine Zuweisung an die Diätologie.

Hemmelmayr schildert: „Wir nehmen die Ernährungsgewohnheiten und etwaige Beschwerden der Patient*innen unter die Lupe und verfolgen den Gewichtsverlauf.“ Weiters führt die Diätologin eine Bioimpedanzanalyse (BIA) zur Messung der Körperzusammensetzung durch. „Es ist wichtig, die Muskelmasse zu bestimmen, denn wenn die Patient*innen einige Tage liegen, bauen sie viel an Muskelmasse ab.“ Auch mittels Handkraftmessung kann ein Verlauf dokumentiert werden. Diätologin Wolfesberger berichtet: „Bei Betroffenen wird die Eiweißzufuhr optimiert und es werden gezielt Nährstoffe zugeführt.“ Weiters werden die Patient*innen bezüglich Ernährung beraten und motiviert, die Empfehlungen umzusetzen. Bei der Entlassung erhalten sie bei Bedarf ein Rezept für Trinknahrung mit den nötigen Nähr- und Ballaststoffen. „Es gibt viele unterschiedliche Produkte“, erläutert die Expertin, „daher ist die genaue Produktbezeichnung und die Menge in ml pro Tag wichtig. Ideal wäre es, wenn der*die niedergelassene Allgemeinmediziner*in den Gewichtsverlauf überprüft.“
Ernährung bei Tumoren
Abschließend klärt Diätologin Hemmelmayr über einen Mythos auf: „Eine gesunde Ernährung mit wenig Fleisch, wenig Fett und zuckerreduziert ist zur Prävention von Erkrankungen gedacht, für Tumorpatient* innen aber nicht geeignet. Diese benötigen unter anderem ausreichend Eiweiß, d. h. Milchprodukte, Hülsenfrüchte, Fleisch und Fisch. Extreme Diäten wie Saftfasten oder eine vegane Ernährung sind nicht empfehlenswert, weil sie zu Nährstoffdefiziten und Eiweißmangel führen und die Patient*innen dann mit einem Defizit in die Therapie starten.“
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