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Ordensklinikum Linz

Johann Zoidl und David Fuchs im OÖN-Interview über Ängste, Schmerzen und Hoffnung

Datum: 08.12.2021

"Der Zeit gerecht – zur rechten Zeit" war der Titel des gestrigen Hospiz- und Palliativtages des Ordensklinikums Linz. Die OÖNachrichtenhaben die Mediziner Johann Zoidl, 64, und David Fuchs, 40, zum Interview gebeten.

 

OÖN: Sie kümmern sich als Mediziner seit 23 Jahren um Menschen, die in ihrer letzten Lebensphase angekommen sind. Jetzt legen Sie die Leitung der Station im Ordensklinikum Barmherzige Schwestern in jüngere Hände. Ein leichter Schritt?

Johann Zoidl: Es fühlt sich so an, als hätte ich ein Kind aufgezogen, das erwachsen ist. Ich weiß, dass es bei David Fuchs gut aufgehoben ist und sich weiterentwickeln kann.

 

Herr Dr. Fuchs, warum haben Sie sich schon relativ früh für die Palliativmedizin entschieden?

Fuchs: Dieser Bereich hat mich immer interessiert, schon als Student wollte ich auf einer Palliativstation arbeiten. Auch an meinem früheren Arbeitsplatz im Kepler-Universitätsklinikum war ich sieben Jahre lang neben der Onkologie in der Palliativmedizin tätig, die mich immer mehr zu interessieren begann.

 

Wer zu Ihnen kommt, weiß, dass seine Lebenszeit extrem begrenzt ist. Kann man diesen Patienten Hoffnung geben?

Zoidl: Es gibt immer Hoffnung. Die Hoffnung auf den lieben Besuch am nächsten Tag, die Hoffnung, dass dem Arzt noch etwas einfällt, und die Perspektive, vielleicht noch einmal nach Hause zu gehen. Einfach Hoffnung auf ein bisschen Leben vor dem Tod.

 

Wie hält man das aus, täglich mit dem Tod konfrontiert zu sein? Und was lernt man daraus?

Zoidl: Ich habe diesen Beruf gewählt, um unheilbar kranken Patienten zu helfen. Das macht natürlich etwas mit einem selbst, das öffnet einem die Augen. Ich weiß heute, dass das einzige Leben, das ich habe, genau jetzt passiert. Wichtig ist natürlich, dass man Bereiche im Alltag hat, die einen stärken, wie die Familie – und in meinem Fall der Garten.

Fuchs: Ich sag immer, mein Beruf schützt mich vor einer eventuellen Midlife-Crisis, weil ich mir meiner Endlichkeit bewusst bin, da ich tagtäglich damit konfrontiert werde. Wichtig ist es, aktiv Psychohygiene zu betreiben und Dinge zu haben, die nichts mit dem Krankenhaus zu tun haben. Meine Kinder, das Schreiben und der Sport.

 

Gibt es Fortschritte in der Palliativmedizin?

Zoidl und Fuchs: Der Umgang mit Schmerzmitteln ist ein anderer geworden. Heute ist klar, dass jeder Mensch einen Anspruch auf eine ordentliche Schmerztherapie hat und dass man palliativmedizinische Schritte viel früher setzen kann, um die Lebensqualität positiv zu beeinflussen. Denn wir können Schmerzen effektiv bekämpfen. Zudem ist der Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung in Österreich geplant, was sehr, sehr positiv ist. Man kann in diesem Land in Würde und gut betreut sterben. Dabei spielt übrigens nicht nur der Arzt die zentrale Rolle. Pflege, Psychologie und Seelsorge sind wichtiger und relevanter.

 

Zoidl und Fuchs
Dr. Johann Zoidl übergibt im April 2022 an Dr. David Fuchs

Wer Beihilfe zum Suizid in Anspruch nehmen will, kann ab 2022 eine Sterbeverfügung aufsetzen. Der Zugang ist auf dauerhaft schwerkranke und unheilbar kranke Personen beschränkt. Mitte Dezember ist mit dem endgültigen Gesetz zu rechnen. Eine gute Lösung?

Fuchs: Vorweg muss ich sagen, dass es auf den Palliativstationen extrem selten vorkommt, dass jemand nach assistiertem Suizid verlangt. Die Neuregelung der Sterbehilfe bedeutet eine große Aufgabe für unsere Gesellschaft. Vor dem Hintergrund des Pflegenotstands wird es die Fragen aufwerfen, wie wir mit Menschen umgehen, die Krebs, ALS oder MS oder andere unheilbare Leiden haben. Viele dieser Menschen haben Angst, jemandem zur Last zu fallen, und Angst vor Vernachlässigung. Wir werden viel Solidarität brauchen.

Zoidl: Wir leben in einer schnelllebigen Zeit mit hohem Leistungsdruck und wenigen Auszeiten. Die Pandemie hat den Druck auf die Gesellschaft erhöht, das spüren auch unsere Patienten. Gerade diese brauchen viel Zeit, um mit ihren Erkrankungen und ihren Ängsten zurechtzukommen. Es ist die Angst, die die meisten Betroffenen an Suizid als letzten Ausweg denken lässt. Eine gesellschaftliche Herausforderung.