Zahlreiche Studien belegen: Bewegung ist ein wichtiger Baustein in der Primärprävention von Tumorerkrankungen. Weiters beeinflusst regelmäßige Bewegung die Mortalität von Tumorpatient*innen und reduziert nachhaltig Nebenwirkungen von onkologischen Therapien. Daher gilt: Alle Tumorpatient*innen sollten zu Bewegung motiviert werden.
Sport hat zahlreiche positive Auswirkungen auf den Körper, wie etwa auf das Herz-Kreislauf-System. Weiters dient er dem Stressabbau, verbessert Stimmung und Wohlbefinden, beeinflusst das Hormonsystem und den Stoffwechsel, steigert die Insulinsensitivität, senkt den Blutdruck, beugt Diabetes Typ 2 vor, verbessert die Fettverbrennung, reduziert den Cholesterinspiegel und stärkt das Immunsystem, im Sinne einer verringerten Infektanfälligkeit. Darüber hinaus stärkt Sport die Knochen und kräftigt die Muskulatur.
Sport in der Onkologie
„Die hohe Bedeutung von Sport in der Medizin bzw. in der Onkologie ist nichts Neues“, erklärt Onkologe und Sportmediziner OA DDr. David Kiesl, Interne I – Hämatologie mit Stammzelltransplantation, Hämostaseologie und medizinische Onkologie am Ordensklinikum Linz Elisabethinen. „Seit den 1980er Jahren gibt es Studien, die die positiven Auswirkungen von Training klar belegen: etwa, dass die körperliche Fitness der stärkste Prädiktor für die Mortalität1), 2) ist, oder dass supervidierte Trainingsprogramme hochsignifikante Effekte in der Rehabilitation in Bezug auf den somatischen, funktionellen und motorischen Status, aber auch im psychosozialen Bereich zeigen3). Die Studienlage zur Primärprävention korreliert stark mit häufig auftretenden Tumorerkrankungen wie Darm-, Brust-, Nieren- und Blasenkarzinomen.“
Die meisten Studien, welche die Intensität von Aktivitäten beschreiben, verwenden dazu metabolische (MET) Einheiten, welche den Energieverbrauch widerspiegeln und sich somit auch untereinander vergleichen lassen. 1 MET entspricht dem Verbrauch von 1 kcal pro kg Körpergewicht und Stunde. „Damit kann man sportliche Aktivitäten ungefähr einordnen“, hält OA Kiesl fest, „ein langsamer Spaziergang entspricht z. B. 2,5 MET, eine Stunde Seilspringen hingegen 12,3 MET.“
Bewegungsempfehlungen der WHO
Laut Bewegungsempfehlungen der WHO 2025 sollten wöchentlich 150 Minuten Training in mittlerer Intensität oder 75 Minuten Training mit höherer Intensität erfolgen, ergänzt durch zweimal wöchentlich muskelkräftigende Übungen. „Alle onkologische Patient* innen sollten diese Empfehlungen erhalten“, betont der Sportmediziner, „denn diesen liegen umfangreiche Studien zugrunde. Die Kombination aus Kraft- und Ausdauertraining erzielt hierbei die höchsten Effekte, weil sie verschiedene sich ergänzende zelluläre und metabolische Signalwege im Körper stimulieren.“
Die Bewegungsempfehlungen der WHO zielen vor allem darauf ab, die Folgen körperlicher Inaktivität zu verhindern. Dazu gehören etwa Kraftverlust mit folgender Inaktivitätsatrophie: das Herzvolumen nimmt ab, die Sauerstoffaufnahme reduziert sich und gleichzeitig erhöht sich die Ruhepulsfrequenz. Es kommt zu einer Inaktivitätsosteoporose, zu einer Verschlechterung der Sensomotorik und Koordination, zur Schwächung des Immunsystems, zu einem erhöhten Thrombose- und Pneumonierisiko sowie zu Kognitionsdefiziten.4) „Aufgrund der negativen Auswirkungen von Inaktivität ist es auch im Rahmen von Tumortherapien wichtig, die Patient*innen zu sportlichen Aktivitäten zu motivieren“, betont OA Kiesl und fügt hinzu: „Im ersten Aufklärungsgespräch kommt oft die Frage: Darf ich noch Eisstockschießen, Tanzen usw.? Die Antwort darauf muss sein ‚Ja, solange Sie keine Schmerzen oder andere Einschränkungen haben, können Sie jede Sportart weiter ausführen‘.“
Die Situation in Österreich
Alle fünf Jahre erheben 27 europäische Staaten das Inaktivitätsniveau der Bevölkerung. Österreich zählt zu den wenig aktiven Ländern in Europa, wenn es darum geht, mindestens fünfmal pro Woche eine Aktivität wie Radfahren, Tanzen oder Gartenarbeit auszuüben.5) Dazu kommt, dass Patient*innen ihr Aktivitätsniveau um 20 bis 30 Prozent reduzieren, wenn sie die Diagnose Krebs erhalten. „Das sehen wir auch bei Patient*innen, die wir intensiv begleiten und zu Bewegung motivieren“, berichtet OA Kiesl. „Trotzdem werden Aktivitäten kaum oder in zu geringer Intensität umgesetzt.“ Für eine noch unveröffentlichte Studie hat der Onkologe rund 11.000 Trainingsdaten von 70 Brustkrebspatient*innen über ein Jahr lang ausgewertet. Das Ergebnis: Der empfohlene Trainingsumfang wurde kaum erreicht bzw. es wurde meist zu wenig effektiv trainiert. Vor allem Krafttraining wird nahezu gar nicht umgesetzt.
Jeder Schritt zählt
OA Kiesl weist darauf hin: „Vielfach ist nicht bekannt, welche Dosis das ‚Medikament Training‘ braucht, um einen Effekt zu erzielen.“ Sowohl die WHO als auch Studien zeigen, dass die Trainingsintensität entscheidend ist. „Idealerweise sollte man den Trainingsund Leistungszustand der Patient*innen kennen und wissen, mit welcher Intensität der Trainingsreiz auf die Patient*innen einwirkt. Voraussetzung dafür ist eine Leistungsdiagnostik, wie z. B. eine Ausbelastungsergometrie“, erklärt der Experte und erläutert: „Die Patient*innen müssen meist erst an das Thema herangeführt werden, denn sie wissen nicht, was intensives Training bedeutet. Für Krafttraining überweisen wir daher häufig zu Physiotherapeut* innen, damit sie supervidiert Übungen erlernen.“

OA DDR. David Kiesl, Interne I – Hämatologie mit Stammzelltransplantation, Hämostaseologie und medizinische Onkologie, Ordensklinikum Linz Elisabethinen
Laut einer Studie6) erhöhen 1.000 zusätzliche Schritte am Tag die Überlebenswahrscheinlichkeit um 11 %. „Absolutwerte wie 50.000 Schritte pro Woche spielen keine Rolle mehr“, erläutert OA Kiesl, „wichtiger ist der individuelle Ausgangswert der tatsächlichen Schrittzahl pro Tag. Wenn ein*e Patient*in sagt: ‚Ich gehe 1.000 Schritte pro Tag‘, muss die Empfehlung lauten: ‚Gehen Sie 1.000 Schritte mehr pro Tag, davon profitieren Sie.“
Nebenwirkungsmanagement mit Training
„Mit dem Übergang von der Chemotherapie zu den zielgerichteten Therapien haben sich auch die Nebenwirkungen von generalisierten toxischen Effekten hin zu komplexeren, insbesondere sozialen Belastungen, wie Auswirkungen auf die Familie und das Sozialleben, verändert“7), erklärt OA Kiesl und fügt hinzu: „Bei einer Chemotherapie kann zum Beispiel Übelkeit mittlerweile mit Medikamenten effektiv und präventiv behandelt werden. Bei psychischen Belastungen wie Depressionen, vermindertem Selbstwertgefühl und Ängsten kann Training einen wertvollen Beitrag leisten, wie zahlreiche Studien belegen.“ Auch bei Fatigue ist Training deutlich wirksamer als medikamentöse Therapien8). In einer anderen Forschungsarbeit9) wurde die Auswirkung von Training auf die Polyneuropathie untersucht. Es konnte gezeigt werden, dass Patient*innen mit Non-Hodgkin-Lymphom (NHL) unter Chemotherapie, die 36 Wochen lang zweimal pro Woche ein einstündiges Ausdauer-, Kraft- und Sensomotorik-Training absolvierten, keine Polyneuropathie-Beschwerden mehr hatten, während sich die Symptomatik in der Kontrollgruppe verschlechterte. Zur Schlafqualität und bei kognitiven Funktionen gibt es ebenfalls Studien, die die positiven Effekte von Training belegen. Außerdem verkürzt die Trainingsintervention die Krankenhausverweildauer und die Häufigkeit stationärer Aufenthalte.10)
Fazit
Abschließend betont OA Kiesl: „Das wichtigste Ergebnis der Daten aus zahlreichen Studien in den letzten Jahrzehnten ist: Bewegung und Training verbessert vor allem die Lebensqualität onkologischer Patient*innen.“ Sofern keine medizinischen Einschränkungen vorhanden sind, sind alle Formen von Bewegung und Sport möglich. „Man muss den Patient*innen die Angst nehmen, dass sie bestimmte Aktivitäten nicht ausführen können“, erklärt der Sportmediziner. „Vor intensivem Training ist jedenfalls eine Überprüfung der Sporttauglichkeit, z. B. mittels Ausbelastungsuntersuchung, sinnvoll. Das gibt den Patient*innen zusätzliche Sicherheit.“ Bei bestehenden Nebenwirkungen profitieren die Patient*innen am meisten von einem individualisierten Trainingsprogramm. OA Kiesl empfiehlt: „Sollten Patient*innen Nebenwirkungen wie Polyneuropathie, Harninkontinenz u. a. aufweisen, sind spezifische Trainingsprogramme essenziell.“
Natürlich gibt es sowohl relative als auch absolute Kontraindikationen, bei denen körperliches Training nicht empfohlen wird. In einigen Situationen darf keinerlei Training stattfinden, zum Beispiel bei akuten Beschwerden wie starker Übelkeit, Schwindel, Erbrechen, bei schweren kardiovaskulären Ereignissen, Fieber oder anderen akut medizinisch relevanten Zuständen. OA Kiesl betont: „In solchen Fällen ist es grundsätzlich sinnvoll, Rücksprache mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt zu halten, um die individuelle Situation fachlich abklären zu lassen."
Literatur:
1) Blair et al., JAMA 1989, 262:2395
2) Hardee et al. 2024, Mayo Clin. Proc.
3) Koch, U., Weis, J. 1992, Krebshabilitation in der Bundesrepublik Deutschland. Onkologie, 11, 622-627
4) Hollmann W, Strüder HK, Tagarakis CVM, King G. Physical activity and the elderly. Eur J Cardiovasc Prev Rehabil. 2007;14(6):730–739.
5) Sport and physical activity – September 2022 – Eurobarometer survey
6) Ramsey et al., Lancet 2022
7) Modifiziert nach Griffin et al. Ann Oncol 1996 (7): 1989-195, Modifiziert nach Carelle et al. Cancer 2002 (95): 155-163
8) JAMA Oncol. 2017 9) Streckmann et al. 2014 10) Dimeo et al. 1997 und Mijwel et al. 2019
Mehr zum Thema
www.ordensklinikum.at/haematologie-onkologie-bhs