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Ordensklinikum Linz

„Chemobrain“: Hilfe bei kognitiver Beeinträchtigung durch Krebstherapie

Datum: 11.05.2026

Krebstherapien und Behandlungsmöglichkeiten haben sich in den vergangenen Jahren enorm weiterentwickelt. Dennoch sind sie nicht völlig nebenwirkungsfrei. Neben körperlichen Beschwerden können auch kognitive Beeinträchtigen – oftmals bezeichnet als „Chemobrain“ – als Folge einer (Chemo-)Therapie auftreten. Wie diese erkannt werden und was dagegen hilft, erklärt OÄ Dr.in Renate Pusch von der Onkologie und Hämatologie am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern. 

Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, mentale Erschöpfung und Wortfindungsstörungen: Manche Tumorpatient*innen erleben vor, während oder nach der Therapie kognitive Beeinträchtigungen. Vor allem Menschen mit Hirntumoren leiden unter den kognitiven Einschränkungen. Bis zu 90 Prozent dieser Patient*innen sind davon betroffen. Bei anderen Krebsdiagnosen sind es bis zu drei Viertel der Erkrankten.

 

„Die Patient*innen leiden an verlangsamtem Denken und Wortfindungsstörungen, sie haben Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis sowie mit der Planung und Vollendung von Aufgaben, und sie sind nicht mehr fähig, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun“, sagt OÄ Dr.in Renate Pusch. Die Folgen sind der Verlust von Autonomie, Selbstzufriedenheit, sozialen Beziehungen und unter Umständen auch des Arbeitsplatzes. Verschiedene komplexe Prozesse im Gehirn spielen dabei eine Rolle, die jedoch noch nicht abschließend erforscht sind. „Grundsätzlich erholt sich unser Gehirn genauso wie der Körper von den Auswirkungen und Behandlungen einer Tumorerkrankung. Aber man muss Geduld haben und es bedarf auch Eigeninitiative, denn durch bestimmte Aktivitäten kann sich die Erholung beschleunigen,“ betont Onkologin OÄ Dr.in Renate Pusch.

Mangelnde Gedächtnisleistung belastet

Prinzipiell ist das Gehirn durch die Blut-Hirn-Schranke vor schädigenden Wirkstoffen und Krankheitserregern – und eigentlich auch vor der Chemotherapie – geschützt. Diese Schranke kann jedoch durchlässig werden, wodurch Botenstoffe und Hirnzellen in ihrer Funktion gestört werden. Diese und weitere negative Faktoren – wie erhebliche psychische Belastung durch die Krebserkrankung, Schlaflosigkeit oder Ängste – können die kognitiven Beeinträchtigungen weiter verstärken.

Patient*innen thematisieren kognitive Beeinträchtigungen weniger, weil sie diese zwar als störend, aber nicht als „gefährlich“ wahrnehmen. „Starker Durchfall oder Fieber sind bedrohlicher als eine mangelnde Konzentrationsfähigkeit. Trotzdem kann sie sehr belastend sein. Das ‚Chemobrain‘ an sich kann nicht therapiert werden, der Fokus der Behandlung liegt auf den Begleitfaktoren“, so die Expertin.

 

Funktionsstörung abklären

Im Ordensklinikum Linz wird geprüft, was sich hinter den Symptomen verstecken könnte. OÄ Dr.in Pusch erklärt: „Die Patient*innen können mit der Hör- und Sehleistung ein Problem haben oder es können neurologische Defizite wie Lähmungserscheinungen vorliegen. Durch die Tumorerkrankung oder als Folge der Therapie kann es zu organischen Störungen wie Blutarmut, Problemen mit den Blutsalzen oder Schilddrüsenfunktionsstörungen kommen.“ Dafür gibt es klare Ursachen und Therapien. „Bei einer Schilddrüsenunterfunktion sind Patient*innen verlangsamt und haben Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme. Bei einem hohen Kalziumspiegel wiederum können sie benommen oder schläfrig sein“, so die Onkologin. „Daher muss vor der Diagnose ‚Chemobrain‘ eine Funktionsstörung abgeklärt werden.“ 

Zur Abklärung gehören eine körperliche Untersuchung inklusive Überprüfung der Hör- und Sehleistung, eventuell eine neurologische Untersuchung und eine ausführliche Laboranalyse. Weiters werden die eingenommenen Medikamente auf ihre Nebenwirkungen überprüft und die Patient*innen bei der Klinischen Psychologie vorgestellt. Hier kann bei Bedarf die kognitive Leistung auch durch verschiedene Testverfahren überprüft werden.

 

Förderung der geistigen Fitness

Sobald mögliche organische Ursachen abgeklärt sind, geht es um die Förderung der geistigen und körperlichen Fitness. Bestehende Defizite können gut in einer Reha aufgearbeitet werden. Zur Unterstützung sind psychotherapeutische Methoden wie Verhaltenstherapie oder achtsamkeitsbasierte Programme sinnvoll. Ergo- oder Physiotherapie können ebenfalls hilfreich sein. „Gerade bei Tumorpatient*innen ist Bewegung zur Genesung wichtig. Eine medikamentöse Therapie mit Psychostimulanzien, Ginkgo oder Vitamin E spielt hingegen eine untergeordnete Rolle“, betont OÄ Dr.in Pusch. Denksport und Hobbys können genauso wie meditative Ansätze in Form von Yoga oder Qigong positive Effekte zeigen. Vorbeugend spielen kognitive Reserven wie Intelligenz, Bildung sowie gute Lese- und Schreibkenntnisse eine Rolle.