ASCO 2016

Radioonkologie

Die HOT-Topics auf dem Gebiet der
"Radioonkologie"

Kurz-Zusammenfassung von Prim. Univ.-Prof. Dr. Hans Geinitz im nachfolgenden Video:

Schriftliche Zusammenfassung
von Prim. Univ.-Prof. Dr. Hans Geinitz

Interessante Untersuchungen und Studienergebnisse aus Sicht der Radioonkologie wurden unter anderem für das Prostatakarzinom, das Glioblastom, das Ösophaguskarzinom, das Magenkarzinom sowie für Patienten mit Hirnmetastasen und solche mit Oligometastasen bei Lungentumoren vorgestellt. Bei Patienten mit lokalisiertem Prostatakarzinom im mittleren Risiko zeigte die randomisierte PROFIT Studie, dass eine definitive, konventionell fraktionierte Strahlentherapie (78 Gy á 2 Gy pro Fraktion) über einen Zeitraum von 8 Wochen nicht effektiver ist als eine hypofraktionierte Strahlentherapie (höhere Einzeldosen bei niedrigerer Gesamtdosis) über 4 Wochen (60 Gy a` 3 Gy) (Catton et al., Abstract Nr. 5003). Patienten im hypofraktionierten Arm hatten etwas mehr intestinale Grad-II-Akut-Toxizität dafür weniger Grad-II-Spätnebenwirkungen. Grad II – IV urologische Toxizitäten unterschieden sich nicht signifikant. Das verkürzte Schema wird basierend auf diesen Daten und den im letzten Jahr vorgestellten Daten der CHHiP Studie (60 Gy/3 Gy vs. 74 Gy/2 Gy) unseren Patienten bereits angeboten.

Eine kanadische Studiengruppe konnte für ältere Patienten (> 65 Jahre) mit Glioblastom und ECOG Status 0 – 2 in einer randomisierten Studie zeigen, dass eine hypofraktionierte Strahlentherapie (40 Gy a` 2,67 Gy) kombiniert mit Temozolomid zu einem längeren Überleben führt als eine alleinige hypofraktionierte Strahlentherapie (Perry et al., Abstract TPS2104). Die Standardtherapie für Patienten mit biopsiertem oder reseziertem Glioblastom ist, basierend auf einer randomisierten Studie von 2005, die kombinierte Strahlen-Temozolomid-Therapie. Allerdings wurden in diese Studie nur Patienten bis 70 Jahre eingeschlossen. Für ältere Patienten war bisher die alleinige hypofraktionierte Strahlentherapie einer der Standards. Die Studie von Perry et al. wird hier in Teilen sicherlich zu einer Änderung der Praxis führen.

Eine japanische Studiengruppe konnte in einer prospektiven, nicht-randomisierten Studie bei Patienten mit Plattenepithelkarzinomen des Ösophagus im klinischen Stadium I sehr schön zeigen, dass die Kombination von endoskopischer Resektion und nachfolgender risikoadaptierter Strahlenchemotherapie zu Überlebensraten führt, die denen der radikalen Operation entsprechen (Muto et al., Abstract 4013). Dieses Vorgehen stellt damit eine minimalinvasive, organerhaltende Alternative zur Operation dar. Die CRITICS Studie untersuchte randomisiert bei Patienten mit Magenkarzinomen (Stadium Ib – IVa), ob eine adjuvante Radiochemotherapie im Vergleich zu einer adjuvanten alleinigen Chemotherapie nach Operation und vorausgegangener neoadjuvanter Chemotherapie zu besseren Ergebnissen führt (Verheij et al., Abstract 4000). Nach einem medianen Follow-Up von 4,2 Jahren zeigt die Studie keinen Unterschied im Gesamtüberleben und im progressionsfreien Überleben zwischen den Studienarmen. Nur 60 % der eingeschlossenen Patienten begannen mit der adjuvanten Behandlung, und 50 % erhielten die gesamte geplante Therapie. Die optimale adjuvante Behandlung des Magenkarzinoms bleibt weiterhin unklar, es sollte überlegt werden, die neoadjuvanten Strategien vor Operation weiter auszubauen.

Eine japanische Gruppe randomisierte Patienten mit < 4 resezierten Hirnmetastasen entweder in einen Arm mit anschließender Ganzhirnbestrahlung oder in einen Arm mit stereotaktischer Salvage-Strahlentherapie bei Rezidiv oder Resttumoren (Kayama et al., Abstract 2003). Das Gesamtüberleben als primärer Endpunkt dieser Nicht-Unterlegenheitsstudie unterschied sich in beiden Armen nicht. Patienten mit Ganzhirnbestrahlung hatten ein besseres intracraniell-progressionsfreies Überleben, aber eine stärkere neuro-kognitive Dysfunktion mehr als 90 Tage nach Studieneinschluss.
Die stereotaktische Salvage-Strahlentherapie wird damit zu einer der Standardstrategien in dieser Situation werden. Als Alternative zur Resektion +/- Salvage-Strahlentherapie bietet sich die alleinige stereotaktische Strahlentherapie für Oligometastasen < 3 cm an.

Für Patienten mit oligometastastasiertem, nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinom und fehlendem Progress nach Frontline-Chemotherapie wurde im Rahmen der MD Anderson Cancer Moonshot Initiative untersucht, ob eine lokale konsolidierende (LC) Therapie (Strahlentherapie +/- Chirurgie  des Primärtumors und der Metastasen) zu einem besseren progressionsfreien Überleben im Vergleich zu einer Standarderhaltungstherapie bzw. Beobachtung führt (Gomez et al., Abstract 9004). Die Studie musste auf Grund der Effektivität im experimentellen Arm vom Data Safety Board vorzeitig abgebrochen werden. Mehr als 50 % der Patienten im experimentellen Arm hatten eine hypofraktionierte Strahlentherapie oder eine stereotaktische Strahlentherapie erhalten, nur ein Patient eine alleinige chirurgische, konsolidierende Behandlung. Das mediane progressionsfreie Überleben betrug 11,9 vs. 3,9 Monate zu Gunsten des LC-Arms. Es gab keine gravierenden Unterschiede in der Toxizität zwischen beiden Armen. Die lokal konsolidierende Therapie führte zudem zu einer Verzögerung des Auftretens neuer Metastasen. Die Daten zum Gesamtüberleben werden noch weiter nachverfolgt.

Insbesondere die letzte Studie ist aus meiner Sicht ein gutes Beispiel, wie die moderne (Hochpräzisions)Strahlentherapie in systemische Behandlungen eingebunden werden kann und so bei geringer Toxizität zu relevant besseren Ergebnissen für den Patienten führt.

Links zu den Abstracts:

Abstract 5003: A randomized trial of a shorter radiation fraction schedule for the treatment of localized prostate cancer. (Catton et al.)
http://meetinglibrary.asco.org/content/165234-176

Abstract TPS 2104: A phase III randomized controlled trial of short-course radiotherapy with or without concomitant and adjuvant temozolomide in elderly patients with glioblastoma (NCIC CTG CE.6, EORTC 26062-22062; TROG 08.02, NCT00482677) (Perry et al.)
http://meetinglibrary.asco.org/content/94742-114

Abstract 4013: Efficacy of combined endoscopic resection and chemotherapy for clinical stage I esophageal squamous cell carcinoma (ESCC): A single-arm confirmatory study (JCOG0508) (Muto et al.)
http://meetinglibrary.asco.org/content/166726-176

Abstract 4000: A multicenter randomized phase III trial of neo-adjuvant chemotherapy followed by surgery and chemotherapy or by surgery and chemotherapy in resectable gastric cancer: First results from the CRITICS study. (Verheij et al.)
http://meetinglibrary.asco.org/content/165706-176

Abstract 2003: JCOG0504: A phase III randomized trial of surgery with whole brain radiation therapy versus surgery with salvage stereotactic radiosurgery in patients with 1 to 4 brain metastases. (Kayama et al.)
http://meetinglibrary.asco.org/content/166949-176

Abstract 9004: Local consolidation therapy (LCT) to improve progression-free survival (PFS) in patients with oligometastatic non-small cell lung cancer (NSCLC) who receive induction systemic therapy (IST): Results of a multi-institutional phase II randomized study. (Gomez et al.)
http://meetinglibrary.asco.org/content/169928-176