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Ordensklinikum Linz

Praxiswissen: Komplementärmedizin und Krebs

Datum: 03.07.2020

In Europa nutzen bis zu 70% der KrebspatientInnen Komplementärmedizin und Alternativmedizin. Beide Bereiche sind strikt voneinander zu trennen. Die Alternativmedizin lehnt die „Schulmedizin“ ab, anstelle von etablierten Behandlungsmethoden werden teils gefährliche Therapien ohne Wirkungsnachweis angewandt. Der Anteil jener PatientInnen, welche sich für eine alternativmedizinische Maßnahme entscheiden, ist zwar relativ gering – die gesundheitlichen Auswirkungen auf solche Menschen sind jedoch gravierend. Viele wenden sich erst nach einer erfolglosen Alternativtherapie an ein onkologisches Krankenhaus. Doch zu diesem Zeitpunkt hat sich die Krebserkrankung häufig schon weiterentwickelt und kann selbst mit den naturwissenschaftlichen Methoden nicht mehr geheilt werden.

Die Komplementärmedizin wird hingegen immer begleitend zur evidenzbasierten Therapie eingesetzt und nimmt den/die Patienten/Patientin ganzheitlich wahr. Wo steht er/sie gesundheitlich? Welches Ziel verfolgt die komplementärmedizinische Behandlung? Welche subjektiven und objektiven Probleme treten auf, die behandelt werden sollen? Gerade die letzte Frage sorgt bei den MedizinerInnen häufig für Überraschungen. Denn oft belasten jene Beschwerden, die für den/die Arzt/Ärztin nur eine „Kleinigkeit“ darstellen, die Betroffenen besonders stark.
 

Aktuelle Trends

Der Markt für komplementärmedizinische Maßnahmen ist groß, wächst laufend und unterliegt gewissen Trends. In der komplementären Onkologie besteht derzeit eine große Nachfrage der PatientInnen nach Cannabidiol (CBD) und Methadon sowie nach Säften, Kapseln und anderen Produkten der Pflanzen Morinda und Aronia. 

Bei Cannabidiol ist die publizierte Datenlage interessant, aber noch nicht aussagekräftig genug. Speziell eine Linderung von Schmerzen und Übelkeit sowie eine Appetitsteigerung könnten durch die Gabe von CBD erzielt werden. Eine aktuelle Publikation deutet außerdem auf eine mögliche Lebenszeitverlängerung hin. Derzeit sind bei Cannabidiol jedoch weitere Studien nötig, um konkrete Empfehlungen geben zu können.

Zur Einnahme von Methadon durch KrebspatientInnen liegen bereits viele kritische Stellungnahmen der Fachgesellschaften vor. Einerseits zeigt das synthetisch hergestellte Opioid keinen nachweisbaren therapeutischen Effekt, andererseits gilt dieser Stoff als gefährlich, da er ein breites Nebenwirkungsspektrum aufweist. Es können Atemdepressionen oder Interaktionen mit anderen morphinhaltigen Schmerzmitteln auftreten. 

Morinda – auch Noni-Frucht genannt – wird als „Superfrucht“ vermarktet, Aronia hingegen als „Super-Antioxidans“. Die Einnahme größerer Mengen kann bewirken, dass Morinda und Aronia mit gewissen Chemotherapeutika und neuen Immuntherapien interagieren (siehe Hausarzt 05/2019, S. 14). Denn sowohl die Früchte als auch die verabreichten Medikamente werden über das Cytochrom P450 verstoffwechselt.
 

Die Klassiker der Komplementärmedizin

Neben den Trends gibt es einige komplementärmedizinische Maßnahmen, die seit Jahrzehnten nachgefragt werden. Dazu gehört auch die Misteltherapie. Sie gilt als eine der am besten untersuchten komplementärmedizinischen Anwendungen. Die Präparate aus der Weißbeerigen Mistel (Viscum album) werden als subkutane Injektionen verabreicht. Zahlreiche Studien belegen immunmo-dulatorische Effekte und einen positiven Einfluss auf die Lebensqualität.

Für die Therapie stehen Misteln von drei Wirtsbaumarten zur Verfügung, die je nach Allgemeinzustand des/der Patien-ten/Patientin und je nach Tumorentität gewählt werden. Die Misteltherapie kann die Verträglichkeit gewisser Chemotherapeutika unterstützen. Gute Ergebnisse lieferte etwa eine Studie über die Chemotherapie mit dem Wirkstoff Gemcitabin beim Pankreaskarzinom.

Dokumentiert wurde eine bessere Verträglichkeit der Chemotherapie. Scheinbar war eine höhere Dosis von Gemcitabine möglich und es wurde das Risiko febriler Neutropenien gesenkt. Weitere Studien sind erforderlich.

Erste Daten liegen auch zur Gabe von Mistelpräparaten und neuen Immuntherapien vor, hier sind jedoch ebenfalls weitere Studien nötig. Bei Brustkrebs kann die Misteltherapie außerdem Müdigkeit und Fatigue verringern. Die Therapie mit Mistelpräparaten ist eine sehr individuelle, die gut begleitet werden muss. Aus diesem Grund gibt es in Österreich zahlreiche MedizinerInnen, welche sich auf die besagte Behandlung spezialisiert haben.


Homöopathie

Im Umgang mit der Homöopathie hat sich inzwischen ein gewisser Pragmatismus etabliert. Zwar fehlt nach wie vor ein wissenschaftlicher Wirkungsnachweis, doch vielen PatientInnen hilft die Einnahme der Globuli subjektiv gegen ihre Beschwerden. Da homöopathische Mittel aus Sicht der naturwissenschaftlichen Medizin keine (oder nur in minimalsten Spuren vorhandene) Wirkstoffe haben, können sie keine Interaktionen hervorrufen. Zudem sind Globuli kostengünstig zu erwerben und stellen somit keine allzu großen finanziellen Belastungen für PatientInnen dar. Aber auch in puncto Homöopathie gilt es, die Komplementärmedizin scharf von der Alternativmedizin abzugrenzen: Als alleinige Krebsbehandlung ist die Homöopathie strikt abzulehnen.


Vitamine und Spurenelemente

Die Gabe von Vitaminen und Spurenelementen muss höchst individuell abgewogen werden. Eine pauschale Empfehlung, beispielsweise für Vitamin C, gibt es nicht. Da KrebspatientInnen meist wenig essen oder unter Nebenwirkungen wie Durchfall leiden, kommt es häufig zu einer Mangelernährung, die berücksichtigt werden sollte. Eine gute Datenlage ist mittlerweile in Hinblick auf das Spurenelement Selen vorhanden. Dieses kann strahlentherapieinduzierten Durchfall lindern. Bei allen Präparaten gilt es, nur seriöse Anbieter von Vitaminpräparaten zu wählen, die den höchsten Standards entsprechen. 

Mistelzweige
Foto: Hans Braxmeier/Pixabay

Vorsicht im Fall des „Internet-Vitamins“ B17
Ein besonderes Augenmerk sollte auf PatientInnen gelegt werden, welche die Krebserkrankung mit dem sogenannten „Vitamin B17“ behandeln möchten. Dieses existiert nur als Internetmythos. Hinter dem irreführenden Namen verbirgt sich Blausäure, die in Form von Marillenkernen dem Körper zugeführt wird. Zwar ist es richtig, dass Blausäure Krebszellen abtötet. Die Fürsprecher der gefährlichen Therapie verschweigen jedoch, dass auch andere Körperzellen massiv angegriffen werden. Besonders das Herz-Reizleitungssystem kommt durch die Blausäure zu Schaden. Inzwischen sind bereits mehrere Todesfälle aufgrund der Einnahme von „Vitamin B17“ dokumentiert.


Patientenaufklärung
Sehr häufig erkundigen sich PatientInnen vor Behandlungsbeginn nach unterstützenden komplementärmedizinischen Maßnahmen, um „die Therapie besser zu vertragen“. In den Köpfen vieler Menschen existiert noch ein überkommenes Bild von Krebstherapien, meist geprägt durch Krebsfälle innerhalb der Familie oder im Freundeskreis. Dem aktuellen Stand der Medizin entspricht das kaum. So lässt sich beispielsweise die Chemotherapie von heute mit jener von vor 25 Jahren nicht mehr vergleichen.

Selbiges gilt für die Strahlentherapie, die aufgrund des technischen Fortschritts immer präziser geworden ist und deutlich weniger Nebenwirkungen hervorruft. Ein offenes Patientenaufklärungsgespräch kann den Betroffenen viele Ängste vor der Therapie nehmen. Oft sind dann komplementärmedizini-sche Maßnahmen gar nicht mehr nötig.


Was können HausärztInnen uneingeschränkt empfehlen?
Wie eingangs erwähnt, betrachtet die Komplementärmedizin den Menschen ganzheitlich. Daraus lässt sich auch ableiten, dass die Maßnahmen höchst individuell auf den jeweiligen Einzelfall abgestimmt werden müssen. Ein Präparat, das mit einem bestimmten Chemotherapeutikum harmoniert, kann bei einem anderen wiederum starke Interaktionen hervorrufen. Der Zeitpunkt ist ebenfalls relevant: Während einer Therapie fällt die Beurteilung einer komplementär-medizinischen Maßnahme anders aus, als nach Abschluss einer Chemo-, Immun- und/oder Strahlentherapie. Dennoch gibt es eine Reihe begleitender Angebote, die HausärztInnen uneingeschränkt empfehlen können. Schon im Vorfeld hilft die Bewegungstherapie den PatientInnen, möglichst fit und stabil durch die Krebstherapie zu kommen. 

Moderater Ausdauersport von mindestens drei bis vier Stunden pro Woche vermindert das Fatigue-Syndrom. Positive Effekte durch regelmäßige Bewegung wurden besonders bei Brust- und ProstatakrebspatientInnen festgestellt. Qigong und Yoga wirken sich nachweislich positiv auf die Lebensqualität aus, ohne mit den Therapien zu interagieren.

Akupunktur und Akupressur können Übelkeit und Erbrechen sowie Schmerzen lindern, welche allesamt durch die Chemotherapie induziert sind. 


Die Anwendung von komplementärmedizinischen Maßnahmen bei KrebspatientInnen setzt eine gewisse onkologische Expertise voraus. Auf www. selbertun.at sind seriöse ExpertInnen für die Begleitung und die Nachsorge von KrebspatientInnen angeführt. Sie verfügen über eine entsprechende Ausbildung. Hilfreich ist zudem die komplementärmedizinische Beratung, die in vielen onkologischen Krankenhäusern sowie von der Krebshilfe Österreich angeboten wird.

Die Ernährung von KrebspatientInnen hat ebenfalls einen großen Einfluss auf die Verträglichkeit und die Wirksamkeit von Tumortherapien. Diesem leider oft vernachlässigten Thema widmet sich die Hausarzt-Ausgabe 06/2020.