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Ordensklinikum Linz

Pflege damals und heute: "Pflegezeit ist Menschenzeit"

60 Jahre Dienst am Patienten aus tiefer Überzeugung in Person von Sr. Immaculata Hofer (79) treffen auf Lebensrealitäten und Werte von Thomas Scharinger (24), soeben frisch im Vinzentinum zum Bachelor der Pflegewissenschaften graduiert. Im Festsaal des Klosters, ehemals Massenschlafsaal einer ausschließlich von geistlichen Schwestern betreuten Abteilung, haben wir zum Gespräch gebeten. Pflege einst und jetzt – vieles ist verschieden, aber ebenso vieles verbindet.

Sr. Immaculata, erinnern Sie sich noch an solche Schlafsäle? An heutigen Maßstäben gemessen unvorstellbar, bis zu 30 Leute in einem Raum zu betreuen?

SR. IMMACULATA: (lacht) Natürlich! Ganz hinten, wo heute die Holzeinlegearbeit an der Wand ist, da hat die Schwester auf ihre Patienten aufgepasst und nachts ein bisserl geschlafen. Wo es heute oft um Privatsphäre geht, waren damals unsere Patienten sogar besorgt, als die Schwester später nicht mehr dauernd da war.

T. SCHARINGER: Die Betten hatten nicht einmal Räder?

SR. IMMACULATA: Auf Komfort wurde noch nicht geschaut. Es waren aber auch die Ansprüche niedriger. Bis 1926, solange die Lisln privates Ordensspital  waren, haben wir ja kein öffentliches Geld bekommen. Als ich 1959 begann, war man speziell bei den Ärmeren dankbar, überhaupt Hilfe zu bekommen.

 

Thomas, du hast deine Pflegeausbildung 2016 in einer hektischen High-Tech-Zeit unter ganz anderen Umständen begonnen. Was hat dich dafür begeistert?

T. SCHARINGER: Ich war HAK-Absolvent in Gmunden und hab’ als Zivi bei der Lebenshilfe, wo ich ältere beeinträchtige Menschen betreut habe, die menschliche Seite kennen und schätzen gelernt. Beim Googlen nach möglichen Ausbildungen ist mir der Bachelor am Vinzentinum ins Auge gestochen. Krankenpflege mit FH-Abschluss als Sprungbrett für spätere Karrieremöglichkeiten war für mich attraktiv.

 

Bleiben wir kurz beim Thema Karriere. Angenommen, du hättest die Wahl zwischen zwei – fiktiven – Szenarien: Dir wird ein Aufstieg zum Pflegedirektor innerhalb von fünf Jahren angeboten, toller Karrieresprung, attraktives Gehalt. Du musst aber auch alle Herausforderungen wie Personalmangel, mäßiges Berufsimage, Stress und immer mehr Druck auf Team und Spital managen.  Alternativ übernimmt ein Administrator auf deiner Station die ganze Doku und Koordination und ermöglicht dir als Pfleger deutlich mehr Patientenzeit, aber bei eher mäßigem Gehalt. Deine Wahl?

T. SCHARINGER: Szenario zwei. Nicht für immer, aber ein paar Jahre braucht jeder zum menschlichen Reifen – persönlich und auch, wenn man sich als Führungskraft in Patienten wie Kollegen hindenken soll. Zeit dafür wäre ein Privileg.

 

Waren Karriere und Aufstieg anno 1959 ein Thema für die Berufswahl? Und wie steht’s heute damit?

SR. IMMACULATA: Ich bin mit 19 bei den Elisabethinen eingetreten, weil sie ein Spitalsorden waren, wo man was gelernt hat. Mich hat die Pflege meiner kranken Mutter daheim im Mühlviertel geprägt. Es war nicht selbstverständlich, dass man überhaupt genommen wurde. Erst wie das Spital gewachsen ist, gab es Bedarf an jungen – geistlichen – Krankenschwestern. Die Ausbildung hab ich übrigens auch am Vinzentinum gemacht. Insgesamt war alles sehr familiär, es gab ja anfangs nur Chirurgie und Interne. Auch die Ärzte waren multidisziplinär unterwegs – man hat einfach zusammengeholfen und ist mit den Anforderungen gewachsen. Dass es mir beschieden war, ab 1961 die Dialyseabteilung von Anfang an mit aufzubauen, immer mehr Menschen retten zu können anstatt ihnen hilflos beim Sterben zusehen zu müssen – das kann man vielleicht als Karrierehöhepunkt sehen. Bewusst angestrebt habe ich das nicht, ich habe aber um die Kraft dafür gebetet.

T. SCHARINGER: Aus meiner Sicht bedeutet Aufstieg in der Pflegekarriere leider oft, immer weiter weg von den Patienten zu kommen. Viele klassische frühere Aufgaben gehen nun an die Pflegefachassistenz, wir übernehmen immer mehr frühere Ärzte- und Dokujobs. Ich glaube aber, dass gerade wegen dem menschlichen Kontakt viele in die Pflege gehen, das macht den Beruf ja so besonders. Mir persönlich gibt Dankbarkeit, ein gutes Gespräch oder Verbindungen, die ich aufbauen kann, viel Energie. Schwer tue ich mich noch immer mit dem Tod eines Patienten. Wieder Zeit gewinnen ist für mich wichtigstes To Do für die Zukunft.

SR. IMMACULATA: Ich sehe, auch wenn ich mehr als dreimal so alt wie Thomas bin, vieles ähnlich, wobei der Tod für mich Teil des Lebensweges ist. Ich glaube unser wichtigstes Medikament ist persönliche, körperlich und seelisch spürbare Zuwendung. Elektronisch komme ich da nicht hin, Menschen brauchen einfach Menschen!

Thomas mit Sr. Immaculata
Sr. Immaculata hat die Pionierzeit in der Pflege erlebt, Thomas Scharinger sucht als Kind der Generation Z nach Zeit für Menschlichkeit im rasant laufenden Spitalsgetriebe. Ihre Werte verbinden beide aber über Generationen hinweg.