Veranstaltungen

Online-Kongress: Onkologie für die Praxis 2020

Datum: 16.10. - 17.10.2020.

FREITAG, 16. OKTOBER 2020

DIE ROLLE DER ERNÄHRUNG BEI KREBSERKRANKUNGEN

 

Ernährung vor, während und nach der Krebstherapie – unterschiedliche Konzepte bei unterschiedlichen Tumoren

OA Dr. Wolfgang Sieber, Anästhesist und Leiter der Ernährungsmedizin am Ordensklinikum Linz, machte den Auftakt und zeigte das hohe Potenzial von Ernährungstherapien. Diese sollen zum richtigen Zeitpunkt (nicht erst terminal), mit den richtigen Mitteln, mit der nötigen Konsequenz und mit einem klaren Ziel verfolgt werden. „Ernährungstherapie ist ein integraler Teil des gesamten Tumortherapiekonzeptes und der Ernährungszustand des Patienten bzw. der Patientin kann als Maß für die Sinnhaftigkeit einer weiteren Therapie gesehen werden. PatientInnen haben zudem so die Chance, ein gewisses Maß an Autonomie zurückzugewinnen und den Weg aktiv mitzugestalten,“ spricht sich der Mediziner für diese Art der supportiven Behandlungsmaßnahmen bei KrebspatientInnen aus.

 

Was essen bei Krebs? Die Facetten der Ernährung in der Onkologie

Diätologin und Ernährungsexpertin Pia Wildfellner, BSc. ging in ihrem Vortrag auf den vermeintlich einfachen Terminus der „gesunden Ernährung“ ein. Diese erweist sich oftmals als hochkomplex – insbesondere bei Krebserkrankungen. „Krebs ist keine einheitliche Erkrankung – es gibt Krebsarten, welche stärker von ernährungstherapeutischen Interventionen betroffen sind, wohingegen andere schwächer darauf reagieren. Darüber hinaus gibt es Personen, die einen sehr guten bzw. einen sehr schlechten Ernährungszustand aufweisen. Doch auch unterschiedliche Therapieoptionen spielen eine Rolle“, erklärte sie. Gefragt sind sowohl eine differenzierte Betrachtungsweise, als auch eine diätetische Therapie, die individuell auf die KrebspatientInnen abgestimmt wird. Diese Maßnahmen sollen zu einer Verbesserung der Gesamtkonstitution führen, die Therapienebenwirkungen verringern und Mangelernährungszuständen vorbeugen. Ernährung kann den Krebs allerdings nicht heilen. Ein Tumor kann auch durch ein Verbot einzelner Lebensmittel nicht „ausgehungert“ werden. „Die Ernährung hat das Ziel, den Menschen zu stärken – ihm also mehr Kraft für die anti-tumorale Therapie zu geben,“ stellt die Diätologin klar.

 

Nutritive und mikrobielle Einflussfaktoren bei Krebsentstehung und -therapie

Assoz.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Alexander Moschen, PhD, von der Universitätsklinik für Innere Medizin I in Innsbruck, stellte die Frage, wie sich die Ernährung und das intestinale Mikrobiom auf Krebs und Krebsentstehung auswirken können. Laut einer aktuellen Studie ließen sich 70 Prozent aller Krebsarten über die Prävention, zu der auch die Ernährung gezählt wird, reduzieren. Der Gastroenterologe ging auch auf die widersprüchlichen Effekte gewisser Lebensmittel ein. So sei Brokkoli laut aktuellsten Erkenntnissen für zwei Dinge verantwortlich: „Er induziert einerseits Stress auf unsere genetische Stabilität und stärkt andererseits jene schützenden Faktoren, die uns genau vor jenem Stress schützen.“ Für Moschen gilt demnach das „große Ganze“ im Auge zu behalten, bestehende Mechanismen zu verstehen, zu hinterfragen und daraus Rückschlüsse für die Krebstherapie zu ziehen. Als „besten Zugang“ zum Mikrobiom sieht er jedenfalls die Ernährung.

 

Einbettung der Ernährungsmedizin in ein holistisches Supportivkonzept

OA Dr. David Fuchs, von der Palliativstation des Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern und Experte für Supportivmedizin, wies auf die Zusammenhänge der Ernährungsmedizin und der Onkologie hin. So haben etwa laufende Tumortherapien einen großen Einfluss auf die Ernährung und Ernährbarkeit der PatientInnen – man denke an erhebliche Geschmacksveränderungen, Appetitverlust, Übelkeit, Diarrhö usw. Die Präsentation verschiedener Versorgungsmodelle zeigte zudem, in welcher Beziehung Onkologie und Palliativmedizin – im Zeitverlauf, d.h. von der Diagnose, über die Therapie und Nachsorge bis hin zum Tod – stehen. „Wir wissen seit mittlerweile zehn Jahren, dass eine frühe Integration der Palliativmedizin im Krankheitsverlauf von onkologischen Patientinnen und Patienten einen deutlichen Gewinn an Lebensqualität bringen kann“, betonte Fuchs. Das ausgesprochene Ziel: ein integriertes Versorgungsmodell, das den Anforderungen des 21. Jahrhunderts entspricht. Es gilt daher, Patientinnen und Patienten möglichst früh für diese Art der Versorgung auszuwählen: über die Diagnose und/oder Prognose, durch Anamnese, physikalische Untersuchungen, den „klinischen Blick“, Verlauf oder validierte Screening Methoden.

 

Fasten und Ernährung als ergänzende Therapie bei Krebserkrankungen – Grenzen und Möglichkeiten

Univ.-Prof. Dr. Andreas Michalsen ist Professor für Klinische Naturheilkunde an der Charité Berlin und Chefarzt am Immanuel Krankenhaus Berlin. Er ist überzeugt: „Wenn wir Ernährung richtig zu nutzen wissen, ist sie die reinste Medizin und damit das beste Mittel, um lange und gesund zu leben.“ Im Rahmen seines Vortrags verwies er auf wissenschaftliche Daten, die darauf hinweisen, dass Fasten als ergänzende Therapie bei Krebserkrankungen helfen könnte. Er präsentierte eine amerikanische Studie, laut der ehemalige Brustkrebspatientinnen, die nach Abschluss ihrer Therapien Intervallfasten, um ein Drittel weniger Rückfälle, also Rezidive, bekommen. Das Fasten bei Chemotherapie – die PatientInnen nehmen dabei 36 Stunden vor und 24 Stunden nach der Therapie nur Tee und Gemüsesäfte zu sich – führte laut einigen Studien zu einer Reduktion der Nebenwirkungen. Obgleich die Forschungen zu diesem Thema noch nicht abgeschlossen sind, gibt es deutliche Hinweise darauf, dass sich das durch ÄrztInnen begleitete Fasten bei vielen Krebserkrankungen als ergänzende Form der Therapie etablieren könnte.

 

Festvortrag: Moderne Versorgung: e-health und Ernährung in der Onkologie – Herausforderungen und Chancen

Als Ernährungswissenschaftlerin und Diätassistentin ist Nicole Erickson, MSc. im Gebiet der onkologischen Ernährungsberatung tätig. Im ersten Teil ihres Vortrags wurde der Themenkomplex e-health beleuchtet. Sie stellte verschiedene Modelle vor und zeigte, welche Möglichkeiten und Herausforderungen sich innerhalb dieses rasch wachsenden Umfelds bieten. Der zweite Teil stand ganz im Zeichen der Online-Kommunikation. Erickson zeigte, dass onkologische PatientInnen auch im Web – in Form von fachlich fundierten Beiträgen auf Seiten wie etwa www.diaetologen.at oder www.was-essen-bei-krebs.de – Hilfe finden können. Diese Ernährungsplattformen liefern KrebspatientInnen nicht nur verständliche Inhalte, sondern auch die Gewissheit, dass hier ausschließlich fachlich korrekte Informationen weitergegeben werden. Ein Beispiel dafür sind Rezepte, die speziell für die Ernährung bei Krebs und zur Linderung bestimmter Beschwerden entwickelt bzw. ausgewählt wurden. Ein Video über "Was essen bei Krebs" finden Sie hier: https://youtu.be/Q05lz9NRpk0

Onkologie für die Praxis 2020

SAMSTAG, 17. OKTOBER 2020

MODERNES NEBENWIRKUNGSMANAGEMENT – TEIL 1

 

Ein Blick nach Deutschland – Onkologische Pflegeberatung beim niedergelassenen Onkologen

Dipl. Pflegewirtin (FH) Babette Dörr, MBA, Bereichsleiterin Pflegeexperten/Diätologen am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Qualitätsverbesserung in der Onkologie. Sie bot Einblicke in das onkologische Versorgungsangebot in Deutschland. Denn dort erfolgen, im Gegensatz zu Österreich, rund die Hälfte aller Tumortherapien ambulant, in spezialisierten onkologischen Arztpraxen und durch medizinische Fachangestellte (MFAs). Einige dieser Praxen bieten sogenannte „Onkologische Sprechstunden“, in denen sich ausgebildetes medizinischen Personal Zeit für die PatientInnen nimmt. Diese Sprechstunde kann als „Zeit, in der jemand für Gespräche zur Verfügung steht, auf bestehende Ängste eingeht, offene Fragen klärt oder nochmals – in aller Ruhe – erklärt, was der Mediziner/ die Medizinerin bereits mitgeteilt hat“ verstanden werden. Die Referentin sprach sich abschließend dafür aus, die Pflegeberatung entsprechend zu fördern und zu honorieren.

 

Der „unfaire“ Tod – Nebenwirkungen der modernen Onkologie

„Immer mehr Menschen versterben an der Akkumulation von Nebenwirkungen, und nicht zwingend an der Krebserkrankung“, unterstrich der Leiter des Viszeralonkologischen Zentrums am Ordensklinikum Linz, PD Dr. Holger Rumpold. Er zeigte, dass sich die Bandbreite der effektiven Therapiemöglichkeiten von Krebs über die letzten Jahre deutlich erhöht hat. Krebserkrankungen können besser behandelt werden, die Überlebensrate steigt und die Krebsmortalität sinkt. Da die meisten PatientInnen mit Krebserkrankungen älter sind, steigt jedoch auch das Risiko für Komorbiditäten und Toxizitäten durch die Therapien. Konkret geht der Onkologe hier auf kardiovaskuläre Nebenwirkungen, wie etwa Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienz, Thrombosen, Herzinfarkte, Bluthochdruck und auch nephrologische Problematiken ein. Die Frage, was „fairer“ ist – die Grunderkrankung oder die Nebenwirkung ebendieser – richtete er wiederrum an das Kongresspublikum. Seiner persönlichen Einschätzung nach, geht es vor allem darum, den Austausch mit den PatientInnen zu suchen und zu diskutieren, was als „erträglich“, „fair“ oder „in den Lebensentwurf passend“ empfunden wird.

 

Niereninsuffizienz, Krebs und Nebenwirkungen

OA Dr. David Fuchs, Onkologe und Palliativmediziner sowie Leiter des Bereichs Supportivmedizin am Ordensklinikum Linz, bot einen Überblick über die Ursachen einer akuten und chronologischen Niereninsuffizienz bei Krebserkrankungen. Er erläuterte, dass 27 Prozent der KrebspatientInnen innerhalb von fünf Jahren nach einer Krebsdiagnose zumindest eine Episode einer akuten Niereninsuffizienz erleben. Im Falle einer chronischen Niereninsuffizienz gehören viele PatientInnen oft aufgrund des Alters oder Begleiterkrankungen bereits zur Risikogruppe für einen komplikativen Krankheitsverlauf. Anhand einiger Fallbeispiele zeigte Fuchs, wie wichtig der regelmäßige interprofessionelle Austausch zwischen Pflegekräften, OnkologInnen, SupportivmedizinerInnen, ApothekerInnen, TherapeutInnen und DiätologInnen ist, um etwaigen Komplikationen vorzubeugen.

 

HCC behandeln und dabei die Leberzirrhose nicht aus den Augen lassen

OÄ Dr.in Stephanie Hametner-Schreil von der Abteilung Interne IV am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern, widmete sich ganz der Leber beziehungsweise der Leberzirrhose: Von den Aufgaben und Besonderheiten, über Therapie und Komplikationsmanagement, über das Tumortherapiemanagement bei Zirrhosen, bis hin zur HCC-Therapie (hepatozelluläres Karzinom) und dem Nebenwirkungsmanagement. „Zirrhose ist nicht gleich Zirrhose – deshalb hat man in der Hepatologie einige Scores entwickelt, um diese Leberfunktion – anhand von Parametern – genauer einzuteilen“, bezieht sich die Internistin auf den Child Pugh Score und den MELD Score. Eine entsprechend individuell angepasste Therapie ist für diese vulnerable Patientengruppe verpflichtend.

 

MODERNES NEBENWIRKUNGSMANAGEMENT – TEIL 2

 

Kardiovaskuläre Nebenwirkungen moderner Tumortherapie – Wie wichtig ist die Zusammenarbeit zwischen Onkologie und Kardiologie?

FA Dr. Lukas Holzinger, Kardiologe am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern, sprach über kardiovaskuläre Nebenwirkungen, die als häufigste nicht-tumorassozierte Todesursache bei Krebspatientinnen und Krebspatienten gilt – insbesondere bei älteren PatientInnen mit einem höheren Grundrisiko. Dazu zählen etwa myokardiale Dysfunktionen, Herzinsuffizienzen, koronare Herzkrankheit, Arrhythmien, Erkrankungen der Herzklappen, arterielle Hypertonie, pulmonale Hypertension, PAVK oder Schlaganfall. Vor einer etwaigen Therapie sollten daher bestehende kardiovaskuläre Risikofaktoren evaluiert werden. Der Aufklärung der PatientInnen über mögliche langfristige kardiovaskuläre Therapiefolgen aber auch individuellen Nachsorgeempfehlungen kommt ein hoher Stellenwert zu. Kardiovaskuläre Nebenwirkungen sind für Holzinger nur interdisziplinär zu bewältigen.

 

Thrombosen und Krebs: Prophylaxe und Therapie

Univ.-Doz. Dr. Ansgar Weltermann ging auf das Thromboserisiko bei Krebs ein. In der EU versterben jährlich doppelt so viele Menschen an den Folgen einer venösen Thromboembolie als an Mammakarzinom, Prostatakarzinom, AIDS und Verkehrsunfällen zusammen. Ein Viertel dieser Thrombosen tritt bei KrebspatientInnen auf. Insbesondere bei Tumorentitäten wie dem Magen- und dem Pankreaskarzinom besteht ein erhöhtes Risiko. Die Ursachen für eine Thrombose bzw. Pulmonalembolie sind vielfältig: höheres Lebensalter, langdauernde Reise, oder auch eine frühere Thrombose. Bei KrebspatientInnen kommen weitere Risikofaktoren wie ein fortgeschrittenes Tumorstadium, Immobilität, Tumoroperation, die unkontrollierte Gabe von Erythropoetin und ein zentralvenöser Zugang hinzu. Wenn eine Thrombose auftritt, ist eine zumindest dreimonatige Antikoagulantientherapie notwendig. Seit etwa zwei Jahren stehen „neuen Antikoagulantien“ – wie etwa Edoxaban, Apixaban und Rivaroxaban – zur oralen Einnahme zur Verfügung. Diese Medikamente sind zur Behandlung der tumorassoziierten venösen Thromboembolie sehr gut geeignet. Zu Beginn einer Thrombose können außerdem Kurzzugbandagen helfen, dass die Schwellung schneller abklingt. Die anschließend oftmals verordneten Kompressionsstrümpfe der Klasse II haben keinen Nutzen in der Behandlung von akuten Thrombosen: Sie verhindern weder das Auftreten eines postthrombotischen Syndroms noch eine Rezidivthrombose. Für die Einschätzung des Thromboembolierisikos bei Erstdiagnose und etwaigen Maßnahmen zur Primärprophylaxe sollte der "Khorana Score" herangezogen werden.

 

Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (CIPN) – Grundlagen, Diagnose und Management

OA PD Dr. Markus Hutterer, Leiter des Spezialbereiches Neuroonkologie und Neuropalliative Care am Konventhospital der Barmherzigen Brüder Linz, ging auf Erkrankungen der peripheren Nerven ein. Er stellte Behandlungsmöglichkeiten vor – im frühen Stadium kommt der klinischen Untersuchung und Anamnese eine wesentliche Bedeutung zu. Es gilt, auf Symptome in den Bereichen Sensibilität, Motorik, Reflexe, Koordination, Autonom zu achten, da diese sich als Ausfall (negativ) oder als Reiz (positiv) manifestieren. Als ein Beispiel führt er das Temperaturempfinden an, welches entweder zu gering oder zu viel ausgeprägt sein kann: „Viele PatientInnen erzählen, dass vor allem Wärme als intensiv und extrem belastend wahrgenommen wird.“ Da die Tumortherapien nicht immer angepasst werden können, bieten sich symptomatische Therapien an, die während oder nach der Chemotherapie erfolgen. Dazu zählen etwa medikamentöse Therapien, aber auch nicht-medikamentöse Behandlungsoptionen wie die Physio- und Ergotherapie, medizinische Sporttherapie und physikalische Therapien. „Der Regenerationsreiz an die Nervenfaser führt dazu, dass weniger Nervenfasern geschädigt werden. Die PatientInnen lernen zudem die Defizite, die sich durch die Neuropathie ergeben auszugleichen – das Sturz- und Verletzungsrisiko wird reduziert“, so Hutterer.

Wir bedanken uns sehr herzlich bei unseren Kooperationspartnern: