Veranstaltungen

Kongress: Alternsmedizin trifft Pharmakologie

Datum: 13.09. - 14.09.2019.

FREITAG, 13. SEPTEMBER 2019

WORKSHOP

Einen ersten Vorgeschmack auf das vielfältige Programm gab es beim Workshop über das Thema Risikomedikation und Sturzprophylaxe, das von Mag.a Elisabeth Steiner aHPh, Pharmazeutin am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern und Univ.-Prof. Dr. Thomas Frühwald, Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie, am Freitagvormittag behandelt wurde. Für Debatten sorgten dabei die Sinnhaftigkeit von Antidementiva, die Bezeichnung „psychoaktive Stoffe“, aber auch das skandinavische Modell der „Sitzwachen“ als Alternative zur Gabe von Antipsychotika. Den Abschluss machte eine Präsentation von Jürgen Maureder, BSc., der gemeinsam mit seinem Team das Projekt Falltec vorstellte - eine digitale Sturzpräventions-Anwendung, die mit Bewegungssensoren arbeitet. Das System wird derzeit an der FH St. Pölten entwickelt.
 

ÄRZTE/APOTHEKER: GERIATRER ALS WISSENSMANAGER

Univ.-Prof.in Dr.in Regina Roller-Wirnsberger von der Medizinischen Universität Graz führte in das komplexe Thema der Arzneimittelversorgung alter Menschen aus der Sicht des Geriaters ein und widmete sich dabei auch der Polypharmazie. Diese tritt bei geriatrischen Patienten sehr häufig auf: 40% dieser Patienten nehmen fünf bis neun Medikamente, 18% mehr als zehn Präparate ein. Zudem steigt mit der Anzahl der Medikationen das Risiko für unerwünschte Ereignisse. „Wir Mediziner sind häufig sehr stark fokussiert auf die Krankheit und das Verschreiben von Medikamenten“, betonte Roller-Wirnsberger. Stattdessen solle der Patient mit dessen Wünsche und Reserven stärker ins Zentrum rücken.

Das Zusammenspiel von Patienten, „von denen wir oft nicht wissen, was sie alles nehmen“, den Ärzten und dem Gesundheitssystem verursacht laut Prim. Dr. Peter Dovjak, Leiter der Akutgeriatrie und ärztlicher Stellvertreter am Salzkammergut-Klinikum, Polypharmazie. Er stellte in seinem Vortrag gefährliche Medikamente im Alter vor, etwa Analgetica oder psychotrope Substanzen, und ging sowohl auf Nebenwirkungen wie Stürze und Delier ein, als auch auf Werkzeuge, um eine Polypharmazie zu verhindern (Interaktionslisten, MAI, PIM-Listen etc.).

Halten sich geriatrische Patienten an die vereinbarten Empfehlungen? Diese Frage beantwortete Univ.-Prof. Dr. Gerhard Wirnsberger von der Klinischen Abteilung für Nephrologie der Medizinischen Universität Graz. Die „Compliance“ ist bei akuten Erkrankungen höher als bei chronischen. Wirnsberger ging auch auf Phänomene wie die „Drug Holidays“ (Einnahmestopp für 24 Stunden oder länger mit einem Risiko der Überdosierung) und „White Coat“ (Einnahme von Medikamenten erst kurz vor dem nächsten Arztbesuch) ein. Die Arzt-Patienten-Beziehung kommt eine besondere Bedeutung zu. Eine umfassende Aufklärung und Beratung zu den Präparaten sowie klare Anweisungen haben sich als hilfreich gezeigt.

 

PFLEGE: GESUNDHEITSFÖRDERUNG UND PRÄVENTION IM ALTER

Der Sucht im Alter widmeten sich OA Dr. Jan Rosenleitner von der Abteilung Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin am Kepler Universitätsklinikum Linz sowie Prim. Dr. Elmar Kainz, Vorstand der Klinik für Neurologisch-Psychiatrische Gerontologie, ebenfalls am Kepler Universitätsklinikum Linz. Sie bereiteten dieses Thema in einem sehr spannenden Dialog vor und mit dem Publikum auf.

Jeder Dritte über 65 stirbt an einer Infektion. Gründe liegen laut Prim.a Univ.-Prof.in Dr.in Petra Apfalter, DTMH, Institutsleiterin Hygiene, Mikrobiologie und Tropenmedizin am Ordensklinikum Linz Elisabethinen, in der erhöhten Anfälligkeit, der reduzierten Abwehr und der herabgesetzten Immunantwort. „Infektionen im Alter präsentieren sich untypisch“, erklärt Apfalter. Symptome sind oft abgeschwächt. Zudem sollte gut überlegt werden, ob Antibiotika nötig sind, wie lange und in welcher Dosis diese gegeben werden.

Thematisch eng mit der vorigen Präsentation verbunden war der Vortrag von Andrea Percht, MBA, die für die Krankenhaus-Hygiene am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern zuständig ist. Für ältere Menschen seien generell keine erweiterten Maßnahmen notwendig. Wichtig ist es, die Basishygiene (Händehygiene, persönliche Schutzausrüstung, Flächendesinfektion etc.) einzuhalten. Influenza, multiresistente Keime (MRSA, 4MRGN) oder Durchfallerkrankungen führen hingegen zu erweiterten Hygienemaßnahmen (beispielsweise das Tragen einer Schutzmaske oder Einzelzimmer für betroffene Patienten).

 

ÄRZTE/APOTHEKER: DER PHARMAZEUT ALS WISSENSMANAGER

Ähnlich wie im Eröffnungsvortrag von Univ.-Prof.in Dr.in Regina Roller-Wirnsberger, widmete sichauch Mag.a Elisabeth Steiner aHPh, Pharmazeutin am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern, der Arzneimittelversorgung alter Menschen – allerdings diesmal aus der Sicht des Pharmazeuten. Anhand eines Praxisbeispiels illustrierte sie die negativen Auswirkungen der Polypharmazie. Ursachen für diese sieht sie in der Multimorbidität älterer Patienten, aber auch in der leitliniengerechten Therapie, die bei geriatrischen Patienten „nicht immer Sinn macht“. Ein besonderes Augenmerk legte Steiner auf das Deprescribing, also das Absetzen von Medikamenten.

Apotheker Mag. Philipp Rieder aus Timelkam zeigte praxisnahe das pharmakologische Riskmanagement aus Sicht seiner Profession. Er wies auf die Faktoren hin, die sich auf die Adherence auswirken: die Tablettengröße, die Einnahmezeit- und dauer sowie die Darreichungsform etc. „Wenn der Patient das Medikament nicht nehmen kann wie verordnet, dann kommt es zu Problemen“, erklärte Rieder. Wechselwirkungen können außerdem die Einnahme von OTCs und Nahrungsergänzungsmittel verursachen. Als Beispiel nannte er unter anderem die Gojibeere, die mit Marcoumar reagiert.

Die Wirksamkeit von Generika mit jenen der Originalpräparate verglich Mag. Dr. Thomas Langebner, Leiter der Apotheke am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern. Er unterstrich, dass bei diesen Präparaten zwar ein vereinfachtes Zulassungsverfahren üblich ist, jedoch die Gleichwertigkeit vorhanden sein muss. „Wenn die Bioverfügbarkeit mehr als 5 bis 10% vom Originalprodukt abweicht, dann können Generika den Test nicht bestehen.“ Langebners Fazit: Generika sind sicher, wirksam und helfen, Ausgaben zu reduzieren. Er empfiehlt, in bestimmten Fällen die Umstellung auf ein Generikum klar gegenüber dem Patienten zu kommunizieren.

 

PFLEGE: PFLEGERISCHE UND THERAPEUTISCHE HERAUSFORDERUNGEN BEI DEMENTIELLEN ERKRANKUNGEN

Prim. Univ.-Prof. Dr. Christian Lampl zeigte die Aspekte der Psychopharmakologie im Alter sowie bei Demenz auf. Depression im Alter ist relativ stark verbreitet, 25 bis 45% der in Alten- und Pflegeheimen lebenden Menschen über 65 Jahren leiden unter dieser. In ihrer Ausprägung unterscheidet sie sich von der Depression in anderen Lebensabschnitten. Anstelle von Traurigkeit rückt die Angst in den Vordergrund, somatische und hypochondrische Beschwerden sind ebenfalls ausgeprägter. Auslöser sind unter anderem Einsamkeit und der Verlust der Selbständigkeit durch Krankheit oder Behinderung. Antidepressiva sollten anfangs niedrig angesetzt und aufdosiert werden. Benzodiazepine dürfen wenn, dann nur kurzfristig eingesetzt werden. Risperdal gilt außerdem als das Antipsychotikum der ersten Wahl bei psychotischen Symptomen und Verhaltensauffälligkeiten bei Demenzpatienten.

Delir ist ein geriatrisches Syndrom, das viele Ursachen haben kann. Laut Prim. Univ.-Prof. Dr. Bernhard Iglseder, Abteilungsvorstand Geriatrie am Uniklinikum Salzburg, können beispielsweise Elektrolytentgleisungen, Pneumonie, Pulmonalembolie, Harnwegsinfekte etc. diesen auslösen. Bei hospitalisierten geriatrischen Patienten zeigt sich eine hohe Prävalenz von 14 bis 56%. Das Delier-Syndrom bringt erhebliche Komplikationen mit sich, etwa eine zweifach erhöhte Letalität oder die Verlängerung des Spitalsaufenthalts um durchschnittlich acht Tage.

Das psychobiografische Pflegemodell nach Prof. Erwin Böhm wurde von Mag.a Andrea Pulikova, DGKP, Wohnbereichsleiterin am Seniorenheim Franziskusschwestern Linz, vorgestellt. Dieses Modell geht davon aus, dass Körper, Seele, Geist, soziales Umfeld und persönliche Geschichte in einem ständigen Zusammenhang stehen. Es bietet einen Ansatz, die Verhaltensweisen von verwirrten und desorientierten Menschen zu erklären und zu verstehen, um eine individuelle, reaktivierende und bewohnerbezogene Pflege zu gewährleisten.

 

ÄRZTE/APOTHEKER: DAS PROBLEM „ARZNEIMITTEL“

Das komplexe Zusammenspiel zwischen Pharmakokinetik und Nierenfunktion beleuchtete Prim. Priv.-Doz. Dr. Daniel Cejka, Abteilungsleiter Interne 3 am Ordensklinikum Linz Elisabethinen. „Ab dem 80. Lebenjahr findet man bei vielen Frauen und Männern eine eingeschränkte Nierenfunktion, einen eingeschränkten eGFR.“, so Cejka. „Mit dem Alter sinkt außerdem der Längsdurchmesser der Nieren, sie schrumpfen.“ Aus diesem Grund ist es wichtig, auf die Eliminierung der Medikamente zu achten – erfolgt diese renal oder hepatisch? Aufgrund der verminderten Nierenfunktion sollten Medikamente mit hepatischer Elimination bevorzugt werden.

„Es gibt wenige Medikamente, die so erfolgreich waren in den vergangenen Jahrzehnten. NSAR beinhalten 5 bis 10% aller Verschreibungen pro Jahr“, erklärte OA Dr. Hendrik Koller, Abteilungsleiter Akutgeriatrie am Ordensklinikum Linz Elisabethinen, gleich zu Beginn seiner Präsentation über die Langzeittherapie mit NSAR bei alten Patienten. Derartige Präparate werden häufig bei Akutschmerz und Arthrose angewandt, erhöhen aber bei dieser Patientengruppe gleichzeitig das Risiko, eine GI-Blutung zu erleiden, um das Vierfache. NSAR sind zudem ein Risikofaktor bei Stürzen. Kommt es zu diesen, dann sollten diese Medikamente eliminiert werden. Zu den sichersten Substanzen aus dem Bereich der NSAR zählen Ibuprofen und Naproxen. Generell empfiehlt Koller, die „niedrigste effektive Dosierung über die kürzeste Zeitdauer“ zu verwenden.

Die Bedarfsmedikation mit Schmerzmittel bei geriatrischen Patienten erläuterte Univ.-Prof. Dr. Josef Donnerer vom Institut für Pharmakologie am Kepler Universitätsklinikum Linz. Eine der wichtigsten Voraussetzungen der Präparate: Sie müssen „schnell wirksam“ sein. Zum Einsatz kommen unter anderem Paracetamol („Bei der Dosierung ist die Körpermasse ein entscheidender Faktor“), NSAR („unverzichtbar in der Kurzzeittherapie“), Metamizol („wirkt spasmolytisch“ und ist das „wahrscheinlich stärkste fiebersenkende Medikament“). Die Kombination verschiedener Medikamentenklassen kann außerdem die Wirksamkeit verbessern. Auch Donnerer verwies auf die eingeschränkte Nierenfunktion im Alter.

 

PFLEGE: MEDIKAMENTÖSE UND PFLEGERISCHE INTERVENTIONEN IM ALTER

Wie kann die Medikamenten-Compliance im Alter erhöht werden? Prim. Dr. Peter Dovjak, Leiter der Akutgeriatrie und ärztlicher Stellvertreter am Salzkammergut-Klinikum, sieht in der ausführlichen Beratung der Patienten eine Möglichkeit. Zudem ist es durch eine gezielte Verhaltensbeeinflussung (Arzneimitteleinnahme mit täglichen Routinehandlungen kombinieren), Monitoring und einer Therapieanpassung (Vereinfachung des Therapieregimes) möglich, eine Verbesserung zu erreichen.

Bei Schmerzen, Fieber, Husten/Schnupfen/Heiserkeit, gastrointestinale Beschwerden, aber auch Nervosität, Schlafprobleme und (Schleim-)Hautprobleme ist eine Hausapotheke ratsam. Mag.a Elisabeth Steiner aHPh, Pharmazeutin am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern zeigte, wie diese im Idealfall aussehen sollte. Für Schmerzen und Fieber sollte Paracetamol zuhause sein, schleimlösende Präparate wie Acetylcystein sind bei Husten hilfreich. Auf Kamillentee sollte bei Husten und Heiserkeit eher verzichtet werden, da dieser die Schleimhäute austrocknet. Bei Heiserkeit sind befeuchtende Lutschpastillen die bessere Wahl. Halsschmerzen, aber auch Schleimhautprobleme im Mund können mit Salbeitee und Eibischwurzel behandelt werden. Fencheltee und Pfefferminztee helfen bei Magen-Darm-Infekten. Bei der Lagerung ist auf den Lichtschutz zu achten. Offene Tees sollten auf Insektenbefall kontrolliert werden.

Für OA Dr. Johann Zoidl, Leiter der Palliativstation am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern, ist der Einsatz von Cannabis oder Cannabinoiden im Alter sinnvoll, wenn Multimorbidität, Polypharmazie, Nebenwirkungen und Interaktionen berücksichtigt werden. Diese Wirkstoffe würden zwar Schmerzen nicht reduzieren, sie sorgen aber dafür, dass diese den Patienten nicht mehr so stören. 

 

FESTVORTRAG

Zwischen Optimismus und Dystopie pendelte der Festvortrag von Mag. Robert Hartmann, Head of Digital Health bei Netural GmbH. Er skizzierte, welche (bio-)technologische Entwicklungen das Altern und generell den Gesundheitssektor umkrempeln werden. Konzerne wie Apple, Google und Amazon investieren viel Geld in digitale Gesundheitsleistungen. Großes Ziel ist die Unsterblichkeit - mit all ihren gravierenden Auswirkungen auf die Gesellschaft.

SAMSTAG, 14. SEPTEMBER 2019

ÄRZTE/APOTHEKER: NEURO-PHARMAKOLOGIE

Worauf ist bei Psychopharmaka im Alter zu achten? Prim.a Dr.in Athe Grafinger, MSc., Vorstand der Abteilung Innere Medizin 2 am Krankenhaus Göttlicher Heiland Wien, erklärte, dass die psychotrope Medikation im höheren Lebensalter keine Seltenheit ist. Sie ging dabei unter anderem auf Patienten mit Demenz vom Alzheimer-Typ ein, von denen 86% psychiatrische Symptome aufweisen. Auch das Serotoninsyndrom, das „vermutlich unterdiagnostiziert“ wird, wurde diskutiert. Es kann durch eine Vielzahl von Medikamenten sowie pflanzlichen Produkten ausgelöst werden und verursacht milde bis lebensbedrohliche Symptome. Grafinger empfiehlt, die Indikation sowie die erforderliche Dosis der Psychopharmaka bei jedem Kontakt zu evaluieren. Außerdem sollten alle nicht medikamentösen Maßnahmen ausgeschöpft werden. Wird die bestehende Medikation reduziert, dann verbessern sich häufig Kognition, Psychomotorik und Funktionalität.

„Die häufigste Ursache der Demenz ist die Alzheimerkrankheit. Der höchste Risikofaktor ist das Alter“, betonte Prim. Univ.-Prof. Dr. Christian Lampl, Ärzlicher Direktor und Leiter der Abteilung für Akutgeriatrie und Remobilisation am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern. Zwei „Denkmuster“ über die Ursachen dieser Krankheit seien die Amyloid- und die Tau-Hypothese, so Lampl. Die Gabe von Vitamin E und Selen, ein höherer Irisinspiegel (aufgrund der Bewegung) und sechs bis neun Stunden Schlaf täglich reduzieren das Risiko einer Alzheimererkrankung. Studien haben außerdem gezeigt, dass Hundebesitzer seltener an Alzheimer erkranken. Lampl sieht in der Behandlung von Alzheimer einen „gewaltigen Irrläufer“, denn „eigentlich müssten wir unsere Patienten bereits in der präklinischen Phase behandeln.“ Dies geschieht allerdings nicht – ganz im Gegenteil, im Frühstadium der Krankheit liegt die Rate an Fehldiagnosen bei über 20%.

Über den Einsatz von Cannabis im Alter referierte Prim. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar, MSc., Abteilungsvorstand für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Klinikum Klagenfurt am Wörthersee. Während Cannabinoide bei Akutschmerz nicht wirksam sind, zeigen sie bei MS-assoziierten zentralen Schmerzen und anderen neurologischen Erkrankungen eine analgetische Wirkung. Sie beeinflussten außerdem die affektive Schmerzkomponente und sind Coanalgetika bei chronischen (neuropathischen) Schmerzen. In der Palliativmedizin kommen sie außerdem zur Behandlung von Übelkeit, Erbrechen und Appetitlosigkeit zum Einsatz.

 

PFLEGE: RECHTE UND PFLICHTEN ALTER MENSCHEN

Einen ganz anderen Blick auf das Thema Altern gab der Vortrag von Dr.in Barbara Hell von der Polizeidirektion Linz. Sie stellte sich den Fragen rund um die Lenkerberechtigung und zeigte anhand mehrere Praxisbeispiele, ob und wie für oder gegen den Lenker entschieden wurde.

OA Dr. Christian Roden, Leiter der Palliativstation sowie stellvertretender Ärztlicher Direktor am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried, ging auf das am 1. Juli 2018 in Kraft getretene 2. Erwachsenenschutzgesetz und seine Auswirkungen auf den klinischen Alltag ein. Dieses Gesetz verabschiedet sich von den Alternativen „Selbstbestimmung“ oder „Fremdbestimmung“, stattdessen soll nun die Fähigkeit zur Selbstbestimmung gefördert werden. Entscheidungsfähige Patienten können über medizinische Behandlungen weiterhin nur selbst entscheiden, Nicht-Entscheidungsfähige müssen hingegen von einem Vorsorgebevollmächtigten oder Erwachsenenvertreter vertreten werden.

DAS Mag.a Gabriela Grabmayr, MA von der Sozialberatungsstelle Kompass-Süd, Linz, erklärte die Hintergründe zur Patientenverfügung (mit der eine bestimmte medizinische Behandlung vorweg abgelehnt wird), zur Vorsorgevollmacht (eine vorsorglich eingeräumte Vollmacht, sollte die Person nicht mehr entscheidungsfähig sein) und zum VSD Vorsorgedialog.

 

ÄRZTE/APOTHEKER: INTERNISTISCHE PHARMAKOLOGIE

Über die Sinnhaftigkeit von Lipidsenker bei geriatrischen Patienten berichtete Prim. Priv.-Doz. Dr. Robert Berent, ärztlicher Leiter der HerzReha Bad Ischl. „Das Alter ist ein entscheidender kardiovaskulärer Risikofaktor, den man nicht unterschätzen darf“, betonte Berent. Er wies darauf hin, dass ein niedriger Wert beim LDL-Cholesterol sich günstig auf die Prognose hinsichtlich kardiovaskulärer Erkrankungen auswirkt. „Mit hohem Alter kann außerdem eine signifikante Risikoreduktion durch die Statin-Therapie erreicht werden”, so Berent. Für die alte Bevölkerung sieht er als Ziel, vor allem kleinere kardiovaskuläre Ereignisse zu vermeiden, da diese zu einer Verschlechterung führen. In den USA wird die Gabe von Statinen als Sekundärprophylaxe auch für Personen über 75 Jahre empfohlen, die europäischen Guidelines sind zurückhaltender und regen an, die „Patienten überlegt zu behandeln“.

OA Dr. Franz Romeder von der Internen I am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern analysierte „Fluch oder Segen“ der Fluorchinolone. Deren Pharmakokinetik ist sehr unterschiedlich. Sie erhöhen das Risiko für Tendinopathien und Aortenaneurysmen oder -dissektionen (dazu sind allerdings keine randomisierten bzw. kontrollierten Studien vorhanden), das Risiko für Retinaablationen ist nicht eindeutig. Möglicherweise können durch Fluorchinolone auch Polyneuropathien verstärkt werden. Außerdem besitzen sie ein nicht zu unterschätzendes Interaktionspotenzial.

Dem Schmerzmittel Metamizol widmete sich OÄ Dr.in Gabriele Grögl-Aringer, Leiterin des Schmerzteams an der Abteilung für Anästhesie und operative Intensivmedizin I in der Krankenanstalt Rudolfstiftung Wien in ihrem Vortrag. Seit über 100 Jahren ist dieses „Prodrug“ im Einsatz und der Wirkmechanismus immer noch nicht geklärt. Metamizol hat keine entzündungshemmende Wirkung und ist das einzige Schmerzmittel bei neuropathischen Schmerzen. Eine gravierende, aber glücklicherweise äußerst seltene Komplikation ist die Agranulozytose (weniger als 500 Granulozyten/Mikroliter Blut). Grögl-Aringer rief auch dazu auf, das Schmerzmittel mit Bedacht einzusetzen. Bezüglich der Übersterblichkeit gegenüber der Normalbevölkerung jedoch ist Metamizol (25 pro 100 Millionen Anwender/Anwendungswoche) deutlich besser, als Aspirin und Diclofenac (185 bzw. 592 pro 100 Millionen Anwender/Anwendungswoche).

 

PFLEGE: ALTERSPHARMAKOLOGIE

Wie und warum „alte Organe“ anders arbeiten, erklärte OA Dr. Friedrich Pilshofer, Leiter der Akutstation am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern, in seinem Vortrag und illustrierte dies mit Praxisbeispielen. Die Hälfte der unerwünschten Arzneimittelwirkungen entsteht durch Notfallmedikationen. Pilshofer rät, nach allen eingenommen Medikamenten zu fragen. Ist eine Symptomatik durch die bekannten Krankheiten des Patienten nicht zu erklären, sollte immer an Arzneimittelnebenwirkungen gedacht werden.

In eine ähnliche Kerbe schlug auch Prim.a Dr.in Athe Grafinger, MSc., Vorstand der Abteilung Innere Medizin 2 am Krankenhaus Göttlicher Heiland Wien. Ein Drittel der über 70-Jährigen leidet an fünf oder mehr behandlungsbedürftigen Erkrankungen. Die Inzidenz für unerwünschte Arzneimittelwirkungen liegt bei 35%  – davon benötigen 30% der Betroffenen ärztliche Hilfe. Grafinger empfiehlt eine regelmäßige Überprüfung des Medikamentenmanagements.

Treten Schmerzen bei älteren Patienten auf, sind individuelle Therapieangebote nötig, betonte Prim. Univ.-Prof. Dr. Christian Lampl, Ärzlicher Direktor und Leiter der Abteilung für Akutgeriatrie und Remobilisation am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern. Eine multimodale Schmerzmedizin sollte zur Anwendung kommen. Komorbiditäten wie Depression, Unruhe, Angst und Schlafstörungen müssen ebenfalls beachtet und therapiert werden. Auch verwies er auf die Notwendigkeit, die Medikamenteneinnahme zu kontrollieren.

 

ÄRZTE/APOTHEKER + PFLEGE: SELEKTIVE PHARMAKOLOGIE

„Das Thema Juckreiz haben die Dermatologen erst die letzten Jahre erkannt”, betonte Prim. Univ.-Prof. Dr. Norbert Sepp in seinem Vortrag. Er ging auf die „unterschiedlichen Laufbahnen“ von Schmerz (über die schnellen A-Fasern) und Juckreiz (über die langsam leitenden C-Fasern) ein. Hauptursache bei Pruritus sind Ekzeme. Leiden ältere Patienten an chronischem Juckreiz, kann außerdem eine andere Krankheit dahinterstecken. Besonders stark ausgeprägt ist der hepatogene Juckreiz, der im Extremfall zum Suizid führen kann.

„Die Ernährung hat in der Medizin immer noch nicht den Status, den sie haben sollte. Vor allem in der Betreuung alter Menschen“, bedauerte Prim. Dr. Bernhard Haider, neurologischer Leiter an der Rehaklinik Enns. Im Alter würde der Kalorienbedarf sinken, deshalb essen ältere Menschen auch weniger. Gleichzeitig bleibt aber der Bedarf an Vitaminen und Spurenelementen gleich. „Bis zu 85% der Heimbewohner haben eine Malnutrition. Diese erhöht die Mortalität und Morbidität“, so Haider. Hinsichtlich Supplementierung rät er zu einem Assessment per Laborwerte. Bei zwei Stoffen kann ein Supplement tatsächlich sinnvoll sein: Pyridoxin (Vitamin B6), bei dem es bei 57-100% von Heimbewohnern Mangelerscheinungen gibt und Zink, das bei 76% der Menschen zuhause und bei 21% der Heimbewohner ungenügend vorhanden ist.

Welche Probleme OTC-Präparate („Over the Counter“) mit sich bringen, war Inhalt des letzten Vortrages am Kongress „Alternsmedizin trifft Pharmakologie 2019“. Mag.a Sonja Habib-Mayer ging auf die Fallstricke von Paracetamol, anticholinerger OTC-Produkte und Ephedrin/Pseudoephedrin ein. Auch die unerwünschten Wirkungen des Johanniskrauts waren Thema – dazu zählen eine verstärkte Lichtempfindlichkeit sowie eine Abschwächung von Immunsuppressiva, Antikoagulantien vom Curmarin-Typ, Antidepressiva und vielen anderen Präparaten.

Alternsmedizin trifft Pharmakologie

 

Unser fachlicher Kooperationspartner:

 

Wir bedanken uns sehr herzlich bei unseren Kooperationspartnern: